Journalist

Täglich einen Kaffee weniger – dafür in die Ferien

In Blick, Diverse Publikationen on 21. Februar 2019 at 11:17

Die Glarnerin Tanja Dürst (35) führt seit zwei Jahren Buch über ihre Ausgaben – und hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

 

 

 

 

 

Es ist eine endlose Liste, die der Drucker von Tanja Dürst (35) ausspuckt. Die alleinerziehende Mutter aus Riedern GL notiert seit der Trennung von ihrem Mann vor zwei Jahren jede Ausgabe für Brot, jedes Parkticket – einfach alles, wofür sie Geld ausgibt.

Fast 3000 Quittungen hat sie in dieser Zeit ins Portemonnaie gesteckt und konsequent jeden zweiten Tag die Beträge in den Computer getippt.

Dieses sogenannte Kleinausgaben-Tracking ist im Trend. In den USA, wo es von Geldexperten wimmelt, hat Bestsellerautor David Bach (52) dazu gerade den Begriff des Latte Factor lanciert. Dieser bezieht sich auf den beliebten Caffè Latte zum Mitnehmen, der in der Schweiz rund fünf Franken kostet.

Bach weist darauf hin, wie viel Geld wir im Alltag für Kleinigkeiten ausgeben, ohne uns dessen bewusst zu sein. Allen voran Take-away-Produkte. Er empfiehlt: Finde etwas, auf das du verzichten kannst, und investiere es in Wertpapiere.

Bach rechnet vor, wie aus fünf gesparten Dollar pro Tag bei einem jährlichen Gewinn von zehn Prozent in vierzig Jahren 948 611 werden, also fast eine Million.

Wie realistisch ein solcher Gewinn ist, sei dahingestellt. Sicher ist: Wer auf einen Kaffee to go für fünf Franken am Tag verzichtet, spart bereits in einem Jahr 1825 Franken. Geld, mit dem sich schöne Ferien finanzieren liessen.

Wer sich am Morgen zusätzlich ein Gipfeli kauft, sich zum Mittagessen ein Sandwich oder einen Fertigsalat holt, dazwischen noch einen gesunden Saft aus einem Automaten lässt und abends eine Sushi-Box mit nach Hause nimmt, ist schnell einmal dreissig Franken los. Pro Jahr sind das mehr als 10 000 Franken für Take-away-Produkte.

«Am meisten hat mich überrascht, wie viel ich für Geschenke ausgebe», sagt Tanja Dürst. «Grosse Geschenke» lässt sie sich rund 100 Franken kosten, doch meistens handelt es sich um Klein- beträge von zehn bis 20 Franken für Gemeinschaftsgeschenke. «Trotzdem kommen pro Jahr 2400 Franken zusammen.»

Oder ihr kleines Laster: Dürst raucht am Wochenende Zigaretten, wenn sie zum Beispiel mit den Freunden aus der Guggenmusik unterwegs ist. Oder in den Ferien am Strand. Im Schnitt sind das drei Zigaretten pro Tag. «Pro Jahr gibt das einen Betrag von 1164 Franken!»

Wenn Tanja Dürst gut gelaunt ihre Ausgaben vorrechnet, kriegen es Menschen, die sich darüber keine Gedanken machen, mit der Angst zu tun. Sie weiss auswendig, dass sie jeden zweiten Monat einen Sack Katzenfutter kaufen muss, und hat immer den Überblick, wie viel Geld sich in ihrem Portemonnaie befindet. «Sind es 80 Franken statt 92 Franken, habe ich versehentlich etwas nicht aufgeschrieben.»

Warum tut sie sich das an? «Mein Ex-Mann fand immer, dass ich zu viel Geld ausgebe. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt.» Als Angestellte der Schuldenberatung Glarnerland gibt Dürst ihr Wissen an Menschen weiter, die mit ihren Finanzen hadern. Das Aufschreiben von Kleinausgaben sei ein gutes Mittel, um herauszufinden, wofür man sein Geld ausgebe, sagt Dürst. Noch wichtiger sei zu wissen, wie viel man überhaupt erst zur Verfügung habe.

Bei ihr selbst sind das mit ihrem Lohn für ein 40-Prozent-Pensum, Zulagen für die beiden Töchter Sarina (10) und Leona (9) und Unterhaltszahlungen pro Monat 6624 Franken. «Davon können wir gut leben, aber ich muss jonglieren zwischen dem, was wir brauchen, und dem, was wir uns leisten wollen.»

Von den 6642 Franken geht fast ein Drittel für die Miete weg. Dürst gibt pro Monat durchschnittlich 380 Franken für Freizeit und Coiffeur aus – doppelt so viel wie es Budgetrichtlinien für ihre Einkommensklasse empfehlen. Um das zu kompensieren, gesteht sie sich mit 65 Franken pro Monat nur halb so viel für Kleiderausgaben zu, als sie laut Richtlinien dürfte.

Übrig bleiben am Monatsende 423 Franken. «Die gehen hauptsächlich für Ferien mit den Kindern drauf. Weil ich darauf nicht verzichten möchte, kann ich im Moment nicht wirklich sparen.»

Ist sie deswegen verbittert? «Überhaupt nicht», sagt Dürst. «Als ich noch verheiratet war, hatten wir 10 000 Franken pro Monat zur Verfügung aber keinen Budget-Plan. Das Geld hat oft nicht gereicht und wir mussten aufs Ersparte zurückgreifen.»

 

Budget-Beraterin Andrea Schmid-Fischer: «Genussmittel gehen ins Geld»

Frau Schmid-Fischer, wie viel geben Sie für Kaffee aus?
Andrea Schmid-Fischer: Nicht viel. Ich habe noch nie die teuren Take-away-Kaffees in den Bäckereien gekauft. Stattdessen haben wir zu Hause einen tollen Vollautomaten. Obwohl wir ihn nach sechs Jahren ersetzen müssen, habe wir so schon Tausende Franken gespart.

Viele berufstätige Menschen kaufen Take-away-Produkte, um Zeit zu sparen. Das ist doch ein gutes Argument, oder nicht?
Ich glaube trotzdem nicht, dass es sich lohnt. Anstehen für den Kaffee braucht auch Zeit. Warum nicht den Kaffee von zu hause im Thermobecher mitnehmen? Damit spart man sich auch noch den Abfall.

Wofür geben die Schweizer zu viel Geld aus?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Was jedoch oft extrem unterschätzt wird, sind die Kosten für Geschenke, Ausgang und Genussmittel diverser Art. Es mag etwas befremden, die Ausgaben für Haschisch in ein Budget einzutragen – doch in ein vollständiges Budget gehört nun einmal alles, was im Leben kostet.

Was raten Sie, um sein Budget in den Griff zu bekommen?
Ich empfehle, einen Monat lang aufzuschreiben, was für Kleinigkeiten ausgegeben wird. Diese Ausgaben kann man im Alltag gut steuern, während die Kosten, wie die für Miete, meistens fix bleiben. Unser Verband bietet zum Beispiel eine Budget-App an, mit der sich variable Ausgaben leicht erfassen lassen.

Wer hat am meisten Mühe, mit seinem Geld zu wirtschaften?
Diejenigen, die sich keine Gedanken darüber machen. Ein neueres Phänomen sind die vielen gut verdienenden Menschen, die jetzt um die dreissig sind, und ihr ganzes Geld ausgeben. Sie merken bei der Familiengründung, dass sie sich verschulden, wenn sie nichts unternehmen.

Warum droht ihnen das?
Weil sie sich oft einen Lebensstandard leisten, der nicht ihrem Einkommen entspricht. Kriegen sie Kinder, ist das für sie mit massiven Einschränkungen verbunden. Das war bei meiner Generation zum Beispiel noch ganz anders.

Wie denn?
Das Credo war: Schulden macht man nicht. Wir gingen davon aus, dass wir nach der Heirat nur von einem Einkommen leben. Deshalb fingen wir früh an zu sparen. Wenn Kinder kamen, ging es finanziell einfach mehr oder weniger weiter wie bisher.

Ist das gut oder schlecht?
Es ist schwieriger, den Lebensstandard zu drosseln, als ihn langsam hinaufzufahren.

Macht Geld glücklich?
Wenn man finanziell solide aufgestellt ist, ist das psychisch jedenfalls sehr entlastend. Finanzielle Probleme können sich hingegen sehr negativ auswirken. Bis hin zu abfallender Leistung am Arbeitsplatz.

Also einfach mehr verdienen?
Die Beratungspraxis zeigt: Wenn Löhne steigen, verpufft das Geld, das man neu zur Verfügung hat, schnell für was anderes wie Ferien. Extremstes Beispiel ist Michael Jackson, der Hunderte Millionen verdiente und trotzdem hoch verschuldet war. Erst durch ein Budget wird klar, wohin das Geld fliessen soll beziehungsweise muss.

Andrea Schmid-Fischer (52) ist Präsidentin des Dachverbands Budgetberatung Schweiz und arbeitet als Budgetberaterin bei der Frauenzentrale Luzern.

Fotos: Thomas Meier

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Version Blick.ch

Interview Budgetberaterin

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