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«Picasso zu kopieren, war ein Kinderspiel»

In Blick, Diverse Publikationen on 1. Februar 2019 at 11:03

Wolfgang Beltracchi (67) fälschte vierzig Jahre lang Bilder von grossen Künstlern, darunter auch Pablo Picasso. Wir sprachen mit dem Deutschen in seinem Atelier in Meggen LU über den Künstler, dessen Frühwerk vom 3. Februar bis 26. Mai in der Fondation Beyeler in Riehen BS zu sehen ist (BLICK berichtete).

Herr Beltracchi, wie schwierig ist es, einen Picasso zu fälschen?
Wolfgang Beltracchi: Für mich war es ein Kinderspiel.

Warum?
Weil er die Handschrift häufig geändert hat. Sein Werk bietet einem Fälscher viel mehr Spielraum als das eines Künstlers, der immer im selben Stil malt. Picasso ist für mich einer der grössten Maler überhaupt. Gerade weil er sich künstlerisch immer wieder neu erfand.

Sie fälschten angeblich mit 12 erstmals einen Picasso. Wie kams dazu?
Mein Vater, der selbst Maler war, bat mich, zu Übungszwecken für ihn das Mutter-mit-Kind-Motiv aus der Blauen Periode zu kopieren. Ich habe es verändert, weil es mir nicht gefiel, habe zum Beispiel das Kopftuch der Frau weggelassen.

Seither kopierten Sie Bilder nicht mehr, sondern malten neue im Stil der jeweiligen Künstler. Warum flogen die vierzig Jahre lang nicht auf?
Weil ich einen genetischen Defekt habe: Wenn ich ein Bild nur anschaue, habe ich mir die Handschrift des Künstlers angeeignet und kann sie perfekt umsetzen. Hinzu kommt, dass ich mich voll in das Leben eines Künstlers hineinversetzen kann. Ich werde nachts wach, rieche die Scheisse, die im 17. und 18. Jahrhundert auf den Pariser Strassen lag.

Sie übertreiben.
Nein, ich reise in meinen Träumen in die Zeiten, in denen ein Künstler lebte. So fand ich immer eine Lücke in seinem Werk. Ich malte Bilder im Namen eines Künstlers, die er eigentlich selbst hätte malen müssen.

Wie viele malten Sie im Namen Picassos?
Nicht viele. Ich konzentrierte mich auf die weniger bekannten Künstler.

Wohl aus taktischen Gründen.
Nein, weil sie mir gefielen. Und weil ich viele davon unterbewertet fand. Campendonk zum Beispiel.

… mit dem Sie dann aufflogen. Immerhin, eine Ihrer Fälschungen galt lange als «bester Campendonk». Könnten Sie auch den «besten Picasso» malen?
Sagen wir, einen der besten, ja. Es gibt viele schlechte Bilder von Picasso. Was normal ist für einen Künstler mit so grossem Output.

Sein Werk «Garçon à la Pipe», das im Beyeler zu sehen sein wird, wurde für 138 Millionen versteigert. Wie gerechtfertigt sind solche Preise?
Ein Picasso könnte auch 500 Millionen kosten. Am Ende ist das eine reine Glaubensfrage. Wie sehr glaube ich daran, dass ein Werk so viel wert ist? Am besten zeigt sich das bei diesem angeblichen Leonardo-da-Vinci-Gemälde, das 2017 für fast eine halbe Milliarde verkauft wurde.

Warum «angeblich»?
Weil ich die Handschrift von da Vinci kenne und weiss, dass dieses Bild nicht von ihm ist. Dieser Jesus mit Glaskugel in der Hand – da Vinci hätte sich dafür geschämt. Das Bild, wie es heute ist, ist höchstens 10 000 Dollar wert.

Sam Keller, der die Ausstellung im Beyeler organisierte, bezeichnete Sie in einem Interview als einen talentierten Pinsler, der damit kokettiert, Menschen betrogen zu haben.
Wissen Sie, was Menschen wie Sam Keller nicht gefällt? Dass ich mich einen Scheissdreck um den Kunstmarkt schere und ohne ihn existieren kann.

Aber bevor Sie aufflogen, profitierten Sie sehr von diesem Kunstmarkt. Oder etwa nicht?
Ja, er ermöglichte meiner Familie ein sehr schönes Leben. Ich beging eine Straftat und wurde zu einem Freiheitsentzug verurteilt, den ich verbüsst habe. Dass ich ganze sechs Jahre dafür bekam – daran waren die Leute vom Kunstmarkt nicht unbeteiligt.

Wie meinen Sie das?
Einige wenige entscheiden dort, wer mit Kunst Geld verdienen darf. Die meisten Menschen machen sich keinen Begriff, was Top-Künstler, Manager und Galeristen verdienen: nicht ein paar Millionen im Jahr, sondern Hunderte. Dass ich ohne sie zurechtkomme, verkraften die nicht. Vor allem jetzt, wo ich für ein grosses Bild, mit meinem Namen signiert, 300 000 Franken verlangen kann.

Jetzt sind Sie also selbst ein überbezahlter Künstler.
Nein, weil ich den Markt nicht befriedigen. Dass ein Galerist zu mir kommt und mir sagt, ich soll das malen, was sich gut verkauft, gibts bei mir nicht. Ich befriedige einzelne Leute, die meine Bilder mögen. Die kaufen sie deshalb.

Hatten Sie gegenüber den Künstlern, unter deren Namen Sie malten, nie ein schlechtes Gewissen?
Aber ganz sicher nicht. Die waren ja alle tot.

Man könnte sich ja auch gegenüber Toten schlecht fühlen.
Wenn man sie schlechtmacht, ja. Aber das tat ich nicht, im Gegenteil. Ohne mich wäre Campendonk heute nicht so teuer. Dank dem Skandal damals explodierten die Preise seiner Bilder. Der Kunstmarkt sollte sich also nicht allzu laut über mich beklagen.

Wie gross schätzen Sie die Möglichkeit, dass eines der Bilder in der Picasso-Ausstellung im Beyeler nicht vom Künstler selbst stammt?
Gegen null. Sein Frühwerk ist zu gut dokumentiert.

 

5 Jahre im Knast
Wolfgang Beltracchi (67) fälschte während 40 Jahren über 300 Bilder, darunter Werke von Picasso und Braque. Seine Frau Helene Beltracchi (60) verkaufte die Meisterwerke der Täuschung für Millionen auf dem Kunstmarkt. 2010 kam die Sache ans Licht, Beltracchi wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er fünf absass, seine Frau zu vier. Heute malt der Deutsche in Meggen LU unter seinem eigenen Namen. Wie viele seiner Fälschungen noch unentdeckt in Museen hängen, weiss niemand.

Fotos: Jessica Keller

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Version Blick.ch

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