Journalist

Koschere Mode

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 2. September 2018 at 13:39

Verhüllende Mode für Frauen ist rehabilitiert. Mitbeteiligt am Hype um die sogenannte Modest Fashion: ein jüdisch-orthodoxes It-Girl, die #MeToo-Bewegung und jede Menge Luxuslabels.

«Wo gehts hier zur Synagoge», fragt ein Mann mit schwarzem Hut und Zizit – weisse Fransen, die unter dem Gilet hervorschauen. An seiner Seite eine Frau mit einer zum Zopf geflochtenen Perücke. Wir befinden uns im Zürcher Kreis 4 in der Modeboutique von Veronika und Menachem Basman, den Eltern des Schauspielers Joel Basman.

Eine Strasse weiter gäbe es tatsächlich eine Synagoge. Doch das Paar, am Outfit als jüdisch erkennbar, sucht nicht wirklich den Weg dorthin. Es besteht aus zwei Hobbymodels und ist Teil einer Modeschau mit dem Titel «Jewish Fashion», der eigentlich «Jewish Orthodox Fashion» heissen müsste. Orthodox könnte man mit sehr fromm übersetzen – nicht zu verwechseln mit ultraorthodox, sprich ultrafromm.

Die Veranstaltung findet im Rahmen einer jüdischen Kulturwoche (26. 8. bis 2. 9.) statt. Dr. Jacqueline Grigo, als Ethnologin tätig an der Universität Zürich, steuert den wissenschaftlichen Hintergrund bei.

In Sachen Mode, sagt Fachfrau Grigo, würden sich orthodoxe Juden in einem Spannungsfeld zwischen dem bewegen, was erlaubt, und dem, was angesagt sei.

Grigo erklärt das Konzept des Zniut, was auf Deutsch so viel wie sittsam bedeutet. Konkret geht es um eine Sammlung von Verhaltensregeln, zu der auch die Kleidervorschriften gehören. Die wichtigsten: Beide Geschlechter sollen Knie, Ellbogen, und das Schlüsselbein bedecken.

Wie kreativ sich das umsetzen lässt, zeigt Adi Heyman (36). Die New Yorkerin bewegt sich in der Modeszene Manhattans und inspiriert mit ihren Outfits nicht nur orthodoxe Jüdinnen, zu denen sie selbst gehört. Auch «Vogue»-Redaktorinnen, die Yoga oder vegane Ernährung als ihre Religion bezeichnen, zählen sie zu ihren Stilikonen.

Bedeckt, aber schon ein bisschen freizügig

Als verheiratete Frau trägt Heyman eine Perücke. Eine blonde, die ein Vermögen gekostet haben muss, so echt, wie sie aussieht. Die Kragen ihrer Hemden und Mäntel verstecken keinen Millimeter mehr, als sie müssen. Sie trägt zwar lange Kleider, doch ihre Füsse stecken meist nackt in High Heels oder Sandalen.

Vielleicht war das dann doch etwas zu viel des Guten für ihr Umfeld – der Blog des orthodoxen It-Girls ist vom Netz verschwunden, nur ihren Instagram-Account bespielt Adi Heyman noch.

Die Kreationen der Modeschau im Kreis 4 sind wohl etwas zu ausgefallen, als dass sich eine streng gläubige Person damit auf der Strasse zeigen würde. Es seien Fantasien von ihm, wie sich Orthodoxe kleiden könnten, sagt Menachem Basman. Der Designer entwirft normalerweise keine koschere Mode.

Die Frauen im Publikum, die wenigsten von ihnen religiös, sind trotzdem begeistert und beklatschen raue Wollmäntel in Erdbeerrot und Looks im Grunge-Stil, für die das Model einen langen Jupe zu schweren Stiefeln trägt.

Es geschieht hier im Kleinen, was sich im Moment bei Konsumentinnen auf der ganzen Welt bemerkbar macht: Sie entdecken wieder, wie viel Spass es machen kann, Mode zu tragen, die aus richtig viel Stoff besteht. Vor allem seit dem Aufkommen der #MeToo-Bewegung kann Kleidung, die sich wie eine Schutzhülle um den weiblichen Körper legt, auch ein feministisches Statement sein.

Modest Fashion heisst der Begriff zum Trend hin zu sogenannt zurückhaltender Mode. Die Modest-Linien von Labels wie H&M tragen längst nicht mehr nur Musliminnen, für die sie konzipiert wurden. Komischerweise kaufen jetzt Frauen, die sich verhüllen müssen, und Frauen, die sich verhüllen wollen, plötzlich dieselben Marken.

254 Milliarden Umsatz mit Modest Fashion

Vom viktorianischen Zeitalter inspirierte Roben von Labels wie Valentino zeigen, dass die Luxusindustrie den lukrativen Markt erkennt. Laut dem Anfang Jahr erschienenen «Global Islamic Economy Report» gaben Konsumenten im 2016 254 Milliarden Dollar für Modest Fashion aus. In vier Jahren sollen es bereits 373 sein.

Man könnte vom integrativen Aspekt der Mode sprechen. Die Frage ist nur, was passiert, wenn in der nächsten Saison wieder durchsichtige Blusen und Discokleider angesagt sind. Dann sind alle, die nicht mitmachen, schon nicht mehr so hip wie jetzt.

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