Journalist

Appel, Steffen Appel

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 5. August 2018 at 14:33

Er ist der grösste James-Bond-Fan. Steffen Appel aus Frankfurt hat sich den Traum jedes 007-Fans erfüllt. Seit sechs Jahren gehört ihm ein Aston Martin DB5. Das Auto brachte ihn seinem Helden näher, als er sich das je erträumt hätte.

Er sieht schon ein bisschen wie James Bond aus. Vielleicht nicht gerade wie der Agent 007 selbst, aber einen seiner kultivierten Gegenspieler könnte Steffen Appel durchaus abgeben.

Der 49-jährige Hüne ist braun ­gebrannt, trägt ein blütenweisses Hemd und einen Schlangenledergürtel. Er sitzt hinter dem Steuer seines Aston Martin DB5 aus den 1960er-Jahren, des berühmtesten Autos der Filmgeschichte.

Vor den elektrisch verstellbaren Fenstern – damals eine Sensation – ziehen die verdorrten Felder des Frankfurter Naherholungsgebiets Lohrpark vorbei, wo wir den James-Bond-Fan mit seinem Heiligtum fotografieren. Der Wetterbericht meldet 35 Grad, unsere Kleider kleben an den schwarzen Ledersitzen. Klimaanlage gibts hier keine, auch keine Sicherheitsgurte. Doch der Sechszylindermotor überbrummt alle Unannehmlichkeiten. Man muss kein Autonarr sein, um sich in dieses Geräusch zu verlieben.

Unfreundliche Beifahrer fliegen raus – wortwörtlich

«Als ich zwölf war, sah ich ‹Goldfinger› zum ersten Mal im Fernsehen», sagt Appel. «Seither träumte ich davon, dieses Auto zu besitzen.»

Im dritten Teil der 007-Reihe fährt Sean Connery erstmals mit dem Sportwagen, nachdem er im Film davor noch mit einem altmodischen Bentley vorlieb nehmen musste. Bond überquert mit dem DB5 den Schweizer Furkapass bei strahlend blauem Himmel. Er sei die Strecke aus dem Film auch schon abgefahren, sagt Appel. «Es hat geregnet und war eiskalt. Wir sind vorzeitig aus den Alpen abgereist.»

Der DB5 ist nach dem ehemaligen Besitzer von Aston Martin benannt, David Brown, und gilt bis heute als James-Bond-Auto schlechthin. Warum? Weil es seinem Titelhelden in Sachen tödlicher Eleganz in nichts nachsteht. Wer sich auf dem Beifahrersitz nicht benimmt, den katapultiert ein Schleudersitz ins Freie. Wer im Weg steht, den durchlöchern ausfahrbare Maschinenpistolen. Wer zu nahe auffährt, dem legt das fahrende Geschoss einen Ölteppich aus. Natürlich nur im Film.

Im echten Leben schlägt dem Fahrer dieses Autos nur Wohlwollen entgegen. Sogar in Deutschland, sagt Appel, wo man mit Luxuskarossen schnell einmal neidvolle Blicke auf sich ziehe, würden ihn andere Verkehrsteilnehmer anlachen, ihm zuwinken oder Fotos schiessen. Vor sechs Jahren hat sich der Immobilienverwalter seinen grossen Traum erfüllt. Für 380 000 Pfund. Aston Martin produzierte rund 800 Stück des DB5, rund zwei Drittel haben überlebt.

Ein silbernes, links gesteuertes Modell in einem Zustand, in dem Appel es besitzt, ist eine absolute Seltenheit und hat heute bereits den Marktwert von mehr als einer Million Euro. Eine Stunde später. Wir fahren mit einem freiliegenden Glaslift in Appels Penthouse im Frankfurter Nordend-Quartier, wo sich seine Frau Ines (49) in einem weissen Sommerkleid zu uns gesellt. «Pierce Brosnan», antwortet Frau Appel auf die Frage nach ihrem liebsten Bond-Darsteller.

Die verschachtelte, dreistöckige Wohnung erinnert aber mehr an die unterkühlte Ästhetik der Filme mit Daniel Craig gepaart mit der Exzentrik der späten Roger-Moore-Ära. Auf dem Boden liegt ein Löwenfell inklusive Kopf, der Besucher geht über Glasplatten mit Sicht aufs untere Stockwerk, wo keine Gäste empfangen werden.

Über eine Wendeltreppe geht es hinauf zur kleinen Dachterrasse. Sie bietet Ausblick auf die Skyline von Mainhattan, wie Frankfurt aufgrund seiner Hochhäuser genannt wird. Verwegenerweise gibts hier kein Geländer.

Der DB5 öffne ihm Türen sagt Appel, der in Frankfurt aufwuchs, drei Mal pro Woche im Verein Fussball spielt und seine Frau an einem Eishockey-Match kennengelernt hat. Vor vier Jahren lud ihn der Schweizer James-Bond-Fanclub zum 50-Jahr-Jubiläum des «Gold­finger»-Drehbeginns ein. Seither erhält der zurückhaltende Mann, der etwas überrascht wirkt über seine plötzliche Berühmtheit, regelmässig Einladungen zu Anlässen, an denen alle sein Gefährt sehen wollen.

Einmal gings nach Mallorca, wo die Behörden Guy Hamilton zum «Sohn der Insel» erklärten. Der Regisseur von «Goldfinger» verbrachte dort seinen Lebensabend. «Das Auto wurde verschifft, man offerierte uns Flugtickets – und an der Party hat sogar noch Bond-Girl Britt Ekland neben mir auf dem Beifahrersitz Platz genommen», erzählt Appel.

Der Höhepunkt dann vor drei Jahren: Appel bewirbt sich als Statist für den jüngsten James-Bond-Film «Spectre» und wird schliesslich als VIP-Fahrer engagiert. Drei Monate chauffiert er an österreichischen Drehorten in Sölden und Altaussee Prominente wie die Produzentin Barbara Broccoli mit einem Range Rover durch die Gegend. Wenn die Leute hören, dass er einen DB5 besitzt, bricht das Eis sofort.

Parallelen zwischen Daniel Craig und Heino

Hauptdarsteller Daniel Craig hat leider einen eigenen Fahrer. Aber ganz kurz, sagt Appel, hätten sich seine Frau und seine Töchter (18 und 16) mit dem Star in einer Hotellobby unterhalten, als sie zu Besuch waren.

Er zeigt jetzt Memorabilia, zu ­denen er «durch Kontakte» gekommen ist. Alles top secret, wie sich das für einen James-Bond-Fan gehört. Etwas unheimlich ist die Silikonmaske mit dem Gesicht von Daniel Craig, die eines seiner Stunt Doubles getragen hat. Mit der Ray-Ban-Sonnenbrille, die Appel ihr aufgesetzt hat, erinnert die Maske irgendwie an Heino.

In seinem Besitz befinden sich auch jede Menge Autogrammkarten, eine Filmklappe vom «Spectre»-Dreh und ein Stück der Scheune, die dort in die Luft fliegt – in Form eines mit Holzmaserung bemalten Stück Schaumstoffs. Auf einem iPad zeigt Appel unveröffentlichte Bilder vom «Gold­finger»-Set: Sean Connery auf einer Wiese am Sandwichessen mit Co-Star Tania Mallet oder bei der Ankunft am Flughafen Zürich. Die Bilder habe ihm ein Fotograf, eine geheime Quelle, zum privaten Gebrauch zur Verfügung gestellt.

Einmal hinter die Kulissen einer Grossproduktion sehen

Was bewegt einen erfolgreichen ­Geschäftsmann dazu, ein Vierteljahr lang als Chauffeur zu arbeiten? Bei einer Grossproduktion hinter die Kulissen zu schauen, sei ein einmaliges Erlebnis, sagt Appel. Alleine die Logistik, die es brauche, 500 Leute während der Hochsaison in einem Skigebiet in Hotels unterzubringen und täglich mehrere Male zu verköstigen, sei überwältigend.

Andere der insgesamt 130 Fahrer hatten weniger Glück als Appel und mussten drei Monate lang nichts als Schmutzwäsche in die Reinigung bringen.

Man habe beim Film immer das Bild von «Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll» im Kopf, sagt er. «Aber nix da.» Am Morgen musste er früh raus, abends ass er etwas Kleines, duschte und fiel todmüde ins Bett. Trotzdem hat sich Appel bereits wieder für die nächste Produktion beworben. Dieses Mal gleich als Chauffeur.

James Bond Nummer 25 soll am 8. November 2019 in den Kinos starten. Daniel Craig spielt ein letztes Mal den Agenten, Danny Boyle («Slumdog Millionaire») ist als Regisseur engagiert. Laut Gerüchten sollen Helena Bonham Carter und Angelina Jolie als Bösewicht im Gespräch sein.

Bevor es für Appel Anfang nächsten Jahres mit etwas Glück an mögliche Drehorte wie Dubrovnik oder Island geht, steht aber noch ein wichtiger Auftritt in Deutschland an. Am 6. September darf Rowan Atkinson, der Bond in seinen Johnny-English-Filmen parodiert, in «Gottschalks grosser 68er-Show» im DB5 von Steffen Appel auf die Bühne fahren. Die Ausstrahlung ist für den Oktober im ZDF geplant.

Es sei schon ein ziemlich teures Hobby, das er pflege, sagt Appel, bevor er uns im Glaslift nach unten schickt. «Aber was nützt es dir, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein! Wer die Möglichkeit hat, seine Träume wahr werden zu lassen, muss es tun.»

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Version Blick.ch

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