Journalist

Li weiss, was läuft

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 1. Juli 2018 at 13:31

Bitte nicht fotografieren», sagt sie freundlich, aber bestimmt zu zwei Zuhörerinnen, die mit Smartphones auf sie zielen. Li Edelkoort (67) ist nach Basel gekommen, um die Trends für die Wintersaison 2019/20 zu präsentieren. Der Vorlesungssaal in der Hochschule für Gestaltung und Kunst ist seit Wochen ausverkauft.

Die Niederländerin – mit vollem Vornamen heisst sie Lidewij – begann ihre Karriere als Einkäuferin in einem Amsterdamer Warenhaus, heute ist sie die Instanz für Voraussagen in den Gebieten Mode und Lifestyle.

Rund 30 Mitarbeiter helfen ihr beim Aufspüren neuer Trends. Die Chefin pendelt zwischen den drei Niederlassungen ihrer Firma in Paris, New York und Tokio, ist Trägerin des französischen Ordens der Künste und der Literatur und beriet in ihrer über 40-jährigen Karriere Firmen wie Coca-Cola, Siemens oder Gucci.

3000 Franken für ein Buch, 500 Franken für ein Ticket

Hinter ihr läuft eine Diashow mit Fotografien von Models auf Laufstegen, Menschen auf Strassen, von Landschaften, Möbeln, Tüchern, Tassen. Es sind assoziativ zusammengetragene Stimmungsbilder aus Blogs, Kunstbüchern und Zeitschriften. Sie sollen vermitteln, wie wir uns in zwei Jahren kleiden, wie wir wohnen, wie wir uns fühlen. «Der Klimawandel beeinflusst, wie wir uns in Zukunft kleiden», sagt Edelkoort, die eine Art Schamanenkleid zu klobigen, paillettenbesetzten Sandalen trägt.

Dass ihr ökologischer Fussabdruck dem eines Topmanagers entspricht, wird sich die Vielfliegerin bewusst sein. In ihrer Welt gehts in erster Linie um Stil, nicht um Ideologie. «Ich bin weder Vegetarierin noch Veganerin und habe noch nie Yoga gemacht», sagt sie zum offensichtlichen Erstaunen der grösstenteils weiblichen Zuhörerschaft.

Li Edelkoort sieht die Zukunft nicht in einer Glaskugel, sondern in der Flut von Dingen, die es bereits gibt. Weil sie darauf kein Copyright gelten machen kann, muss sie ihr Endprodukt schützen. Deshalb das Fotoverbot an ihren Vorträgen, für die Menschen aus der Kreativbranche bis zu 500 Franken Eintritt bezahlen.

Ihre Bücher mit Abbildungen, Stoffproben und kurzen Texten sind limitiert, kosten bis zu 3000 Franken und liegen auf den Schreibtischen von Chefdesignern, Werbestars und Architekten.

Edelkoort erklärt, wie sie auf die Trendfarbenpalette der Wintersaison 2019/20 gekommen ist. Sie wollte sich im November einen Mantel kaufen. Doch in den Läden war ihr alles zu winterlich-schwarz. Auch im Dezember war es draussen zu sommerlich, um sich ein Kleidungsstück in dunkler Farbe zu kaufen. Und als es im Januar endlich abkühlte, hingen in den Läden bereits wieder die Sommerkollektionen.

Beige-Pink und Wasabi sind das neue Schwarz

Sie habe an Nordamerika gedacht, wo sich in den warmen Monaten im späten Herbst die Blätter der Laubwälder rot verfärben. Die Schattierungen des Indian Summer, wie diese Zeit heisst, seien für sie die neuen Herbstfarben, gefolgt von Weiss- und Beigetönen als Farben für die immer wärmer werdenden Winter. «Ich bin mental nach Indien gereist», fährt sie ihre meditative Rezitation fort und zählt Farben auf wie Beige-Pink, Wasabi oder Hare-Krishna-Orange.

Von einer Trendforscherin vorgetragen, klingt das alles so wahnsinnig gut, dass der Zuschauer selbst über Dinge staunt, über die er sonst die Stirn runzeln würde. Wenn dem Begriff «Konsument» zum Beispiel ein baldiges Ende prophezeit wird, weil ihm «etwas Schmutziges» anhafte.

Auch wenn sich manches im ersten Moment utopisch anhört, liefert Edelkoort doch zumindest Ideen, über die es sich nachzudenken lohnt. Es werde irgendwann ein Exodus aus den Metropolen aufs Land stattfinden, sagt sie, weil Städte den Leuten «zu teuer und zu pervers» würden. «Wenn ich heute im West Village in Manhattan unterwegs bin, wo ich eine Wohnung habe, sehe ich keinen Menschen mehr auf der Strasse. Und das mitten in New York City – der Stadt, von der behauptet wird, dass sie niemals schläft.»

Von der Stadtflucht leitet Edelkoort zur Flucht vor der Realität des grassierenden Populismus und allem anderen Bedrohlichen, das auf der Welt geschieht. «Enlightenment» heisst deshalb ihr Überbegriff für die Mode der Saison 2019/20.

Von der Antihaltung zur Selbsterleuchtung

2015 veröffentlichte Edelkoort ein Anti-Fashion-Manifest, in dem sie das, was wir bisher unter Mode verstanden, für tot erklärte und dafür die Antimode als Trend definierte.

Antimodisch sind Kleider, die keinen Anspruch darauf haben, elegant zu sein, und aussehen wie ein Outfit einer Person, die sich am Morgen einfach irgendetwas anzieht. Marken wie Balenciaga verkaufen solche Kleider inzwischen für sehr viel Geld.

Bald soll nun anstelle von Antihaltung «Enlightenment» angesagt sein, was so viel wie Erleuchtung bedeutet. Gemeint ist im weiteren Sinn das Bedürfnis der Menschen nach Wärme, Zugehörigkeit und Heilung in Zeiten der Digitalisierung und der weltpolitischen Instabilität. Ein Bedürfnis, das sich in der Mode und im Interiorbereich bemerkbar macht.

Wenn wir uns in zwei Jahren auf dem Selbsterleuchtungstrip befinden, wird Edelkoort bereits die Trends für die Saison 2021/22 präsentieren. Es ist das Schöne an der Welt des Stils: Sie verändert sich Jahr für Jahr komplett. Die reale Welt tut das nicht.

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Version Blick.ch

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