Journalist

Sex, Drugs und Trap

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 26. November 2017 at 14:17
Vergessen Sie die Rolling Stones, die neuen Rockstars heissen Post Malone, Rae Sremmurd oder 21 Savage. Sie sind jung, wild und machen Trap – ein Soundstil, der es von den Strip-Clubs der Südstaaten an die Spitze der Schweizer Charts schaffte.
 

Ein Moment zwischen Verblödung und purem Exzess: An einem Konzert von Travis Scott in Cleveland, Ohio, singt der 24-Jährige 15-mal hintereinander seinen Hit «Goosebumps» und schafft es damit ins Guinnessbuch der Rekorde.

Vor der Halle betreut die Ambulanz dehydrierte Jugendliche, drinnen stürzen sich Kids von der Galerie, eine verschwitzte Menschenmasse fängt sie mit Händen auf. Man dürfe ihn jetzt in die Rock and Roll Hall of Fame aufnehmen, lässt Scott verlauten.

Musiker wie er, Post Malone oder Rae Sremmurd sind die neuen Mick Jaggers. Sie daten Supermodels, nehmen Drogen, haben Scherereien mit der Polizei. Und sie machen Trap-Musik, eine Weiterentwicklung des Rap respektive Hip-Hop.

Der Stil definiert sich durch brutales Bass-Gewummer, durch monotone undmetallische Rhythmen. Das Ganze dominiert ein elektronisch veränderter Sprechgesang, der sich wie ein undeutlicher Funkspruch anhört. «Als falle man in einen tiefen Brunnen, während gleichzeitig jemand mit Kieselsteinen nach einem wirft», beschreibt ein Journalist in der «Zeit» das Hörerlebnis.

Es ist der Sound, der Rekorde bricht. Allen voran Post Malones Song «Rockstar». Der 22-Jährige mit dem drolligen Äussern ist einer der wenigen weissen Stars des Genres. Seinen Hit hat er im Duett mit 21 Savage aufgenommen, einem ehemaligen Drogendealer aus Atlanta, der sechs Mal angeschossen wurde undsich einen Dolch zwischen die Augen tätowieren liess.

Taylor Swift muss einer Gangsterin Platz machen

«Rockstar» stand an der Spitze der Hitparade in den USA, in Australien und in fast allen europäischen Ländern. In der Schweiz schaffte es der Song auf Platz zwei.

Bis auf Platz vier kam mit «Black Beatles» das Trap-Duo Rae Sremmurd, das sich als schwarze Version der Beatles versteht. Noch erfolgreicher die grossmäulige Cardi B: Ihr «Bodak Yellow» ist seit 19 Jahren das erste Lied einer Frau, das es mit Sprechgesang auf Platz eins der US-Charts schaffte. Dort muste ihr Taylor Swift, die erfolgreichste Popsängerin der Welt, Platz machen.

Cardi B (24), gebürtig Belcalis Almanzar, schloss sich mit 16 einer Strassenbande an und arbeitete bis vor kurzem als Stripperin.

Die Strip-Clubs der amerikanischen Südstaaten sind die Wiege des Trap. Die Musik ist geradezu konzipiert für die basslastigen Soundanlagen der Füdlischuppen in Atlanta, Houston oder St. Louis. Dort verbringen Footballspieler ihren Feierabend, Kriminelle protzen mit Möchtegerns um die Wette. Der Begriff Trap bezeichnet ursprünglich abbruchreife Häuser, in denen die Dealer-Banden ihre Drogen verkaufen und Geschäfte abwickeln. Viele Trap-Texte sind eine fantasievolle Show-Version dieser harten Realität.

Wer eine Karriere will, muss Dollarnoten regnen lassen

«Am Montag werde ich von Rappern belagert, die wollen, dass ich ihre Musik spiele», sagte DJ Esco in einer Reportage des Magazins «GQ». Er bestimmte bis vor einem Jahr zum Wochenbeginn im Strip-Club Magic City in Atlanta das Musikprogramm. Als DJ des wichtigsten Abends im beliebtesten Club zählte er zu den einflussreichsten Personen der Stadt, die noch immer als Epizentrum des Trap gilt. Was ihm nicht gefiel, fiel durch.

Da standen sie also Abend für Abend neben dem DJ-Pult, die unentdeckten Trap-Musiker, und warteten darauf, dass Esco ihren Song spielte. Was er nur tat, wenn der Bittsteller dazu eine Performance ablieferte, die im wesentlichen darin bestand, Dollarnoten auf nackte Frauen regnen zu lassen.

Den Geschmack der Stripperinnen musste der Künstler auch noch treffen. Denn zu ihren Lieblingssongs tanzen sie am besten, sprich: verdienen am meisten Geld. Damit der DJ diese so oft wie möglich spielt, versorgen sie ihn mit reichlich Trinkgeld. Ein verblüffend kapitalistisches System, das sich aber weit mehr an der Nachfrage orientiert als die klassischen Plattenfirmen, bei denen wenige Mitarbeiter darüber entscheiden, was der Geschmack der Masse zu sein hat.

So ist Trap neben einem popkulturellen Phänomen auch ein Beispiel dafür, über welche Wege es Musiker heute aus dem Untergrund in den Mainstream schaffen können.
DJ Esco tourt aktuell mit seiner grössten Entdeckung um die Welt, mit Trap-Superstar Future, der laut «Forbes» zu den zehn bestverdienenden Hip-Hoppern des Jahres gehört.

Inzwischen haben soziale Medien den Strip-Club ersetzt, und der einflussreichste Mann in Sachen Trap ist kein DJ mehr, sondern der Manager der Playlist «Rap Caviar», die es auf der Streaming-Plattform Spotify zu hören gibt.

Der Mann mit Namen Tuma Basa sitzt in den Büros des schwedischen Konzerns in Manhattan und sucht nach Neuheiten. Wenn er sie freitagmorgens präsentiert, verfolgen das mehr als acht Millionen Internet-User. So schnell wie im Trap werden nirgendwo Stars geboren.

Coolness in Form von schludriger Repetition

Tuma Basa stöbert auch auf Soundcloud, einer Plattform, auf der jeder Normalsterbliche gratis und in Sekundenschnelle Musik von sich hochladen kann. Mit etwas Glück erreichen auf diese Weise Nobodys innerhalb eines Tages eine riesige internationale Hörerschaft.

Pop sei bedeutungslos geworden, sagte Roger Daltrey (73), Sänger der Rockband The Who, kürzlich in einem Interview. «Die einzigen Leute, die heute noch etwas zu sagen haben, sind Rapper.»

Gerade das macht Trap so erfolgreich: dass dieser Sound mit seinen ungeschliffenen Beats und absichtlich übersteuerten Bässen so gar nicht dem entspricht, was man von Pop erwartet.

Und die Texte: keine Poesie, sondern Coolness in Form von schludriger Repetition. Das ist doch keine Musik, werden manche sagen. Genau. Das ist Trap!

Ganzer Artikel mit Bildern

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: