Journalist

«Das ist mir egal. Ich bin 81»

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 12. November 2017 at 10:19
Die erfolgreichste Modedesignerin der Schweiz gilt als Inbegriff von Avantgarde. Dabei hat Christa de Carouge auch eine konservative Seite. Wir besuchten die Frau in Schwarz während der Vorbereitung für ihren letzten grossen Auftritt und fragten: Werden Sie langsam altmodisch?

Ein Leben in eine Wohnung gepackt. Chris- ta de Carouge schwirrt durch die Zimmer ihres Zuhauses im Zürcher Seefeld. So vollgestopft war es hier noch nie.

Die Hausherrin steckt in den Vorbereitungen für eine Ausstellung über ihr Lebenswerk im Kunsthaus Zug, die kommende Woche eröffnet wird. Es soll ihr endgültiger Abschied vom Beruf werden. Schon 2014 hat sie ihre Schnittmuster und Skizzen an eine Nachfolgerin übergeben, die ihr Vermächtnis unter neuem Namen weiterführt. Jetzt geht es noch einmal einzig allein um die Frau, die den Traum jedes Schweizer Modedesigners lebte.

«Ich nehme gerne Abschied», sagt sie, und man glaubt ihr sofort. De Carouge strahlt die Gelassenheit einer Person aus, die niemandem mehr etwas beweisen muss. Am wenigsten sich selbst. Ihr Gesicht ist schwer lesbar, ihre Mimik verhalten wie in der asiatischen Kultur. Von ihr liess sich Carouge schon immer inspirieren. Sie habe das Glück gehabt, mit avantgardistischer Mode anzufangen, als es noch nichts Vergleichbares gab, sagt sie. Dass sie Schwarz als Dogma definierte, sei wie ein «Chlapf» gewesen. «Die Leute haben auf so etwas gewartet.»

An langen Kleiderständern hängen ihre riesigen, kimonohaften Gewänder. Der ganze Inhalt der Ausstellung. Am nächsten Tag wird ein Lastwagen alles nach Zug bringen. Unter den Exponaten sind viele Leihgaben von Kunden. Wobei «Anhänger» das bessere Wort ist. Sie identifizieren sich mit der Designerin und umgekehrt. Wer rund 800 Franken für eine Hose ausgibt und bis zu 2000 für eine Jacke, gehört zur Familie.

Unvorteilhafte Zelte? De Carouge siehts anders

De Carouge zeigt auf ein Kleidungsstück, an dem ein Foto einer Frau haftet. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie die Designerin selbst, trägt dieselbe graue Kurzhaarfrisur und Nickelbrille. «Meine Mutter Claire in ihrem letzten Mantel von mir», sagt Carouge und wirkt für einen kurzen Moment, als würde sie innerlich mit ihrer Mutter kommunizieren. Die professionelle Schneiderin wurde beinahe 104 Jahre alt und griff ihrer Tochter bis ins hohe Alter tatkräftig unter die Arme.
Ein anderes Foto zeigt zwei Models, die mit Graffiti-Schriftzügen bedruckte Outfits tragen. Es sind Stücke aus einer Kollektion aus den 80er-Jahren.

«Meine Kleider zieht man nicht an, man wohnt in ihnen.» Der Satz ist zum Running Gag für alle geworden, die Carouges Entwürfe als unvorteilhafte Zelte belächeln. Sie lässt im Gegenzug kein gutes Haar an figurbetonter Kleidung. Erotik habe für sie etwas mit dem «Gefühl des Stoffes» zu tun, sagt sie. Wenn er sich bei jedem Schritt an den Körper schmiege, ihn nur kurz betone, bevor er wieder ins Leere fällt.

Es sei schwierig, solche Kleider zu entwerfen. An den Schultern müssen sie perfekt sitzen, es darf nicht zu viel Stoff an den Armen haben, die Proportionen müssen stimmen. Vor allem bei asymmetrischen Designs.
Das Schlimmste sei für sie, wenn jemand kein Gefühl dafür habe, wie sein Körper aussieht, sagt Carouge. «Ob jemand dick oder dünn ist, geht niemanden etwas an. Aber es gibt Kleider, mit denen man sich danach richten kann.»

Heute meinten selbst Frauen mit «so einem Hintern» – de Carouge zeigt die Breite mit den Händen an –, sie müssten sich in hautenge Leggings pressen. Auch kurz sei ihr ein Gräuel. «Coco Chanel sagte, Knie seien Scharniere und gehörten verdeckt. Sie hatte total recht.»

Ziemlich altmodische Ansichten für eine Avantgardistin. «Das ist mir egal», sagt Christa de Carouge. «Ich bin 81.»

Ihr Ex-Mann hielt sich Geliebte in Serie

Einfach hatte es Carouge nicht immer. Vor allem ihre beiden Ehen seien der Horror gewesen, sagt sie. Mit ihrem ersten Mann baute sie in Genf angesagte Modeboutiquen auf. Die beiden waren Socialites. Er fuhr in den 70er-Jahren mit Lamborghini und Rolls-Royce durchs «kleine Paris», wie Genf damals genannt wurde, und machte kein Geheimnis aus seinen zahlreichen Liebhaberinnen. «Ich habe gelernt, was es heisst, sich den Mann teilen zu müssen.»

De Carouge hatte keinen Einblick in die Zahlen des Geschäfts, an dem sie massgeblich beteiligt war. Als sie sich scheiden liess, erhielt sie die Abfindung einer Hausfrau. Kurz darauf ging sie eine zweite Ehe ein, die kein Jahr hielt. 1978 dann die Eröffnung des ersten Ladens in Genf. Die Autodidaktin in Sachen Mode schwor sich, nur noch selbstbestimmt existieren zu wollen.

Der Befreiungsschlag war der Grundstein für Carouges Karriere. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass Carouges förmliche Nettigkeit stets etwas Distanziertes, manchmal fast Misstrauisches durchblicken lässt. Als wollte sie sich gegen alles schützen, was sie zu sehr vereinnahmen könnte.

Sie stellt sich jetzt vor den Spiegel und führt vor, auf wie viele Arten sich ein überdimensionaler Schal aus Krepp tragen lässt. Und schon ist sie eine andere Person, abgekapselt von der Aussenwelt wie eine Mutter, die ihr Baby betrachtet. «Ich liebe meine Kleider», sagt sie, und es klingt so überhaupt nicht nach Floskel.

Carouge schwirrt schon wieder durch die verstopften Gänge ihrer Wohnung. «Nach der Ausstellung werde ich Platz schaffen. Ich habe Lust zum Zeichnen. Und ich will über Schwarz schreiben. Über Schwarz, wie ich es sehe.»

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Version Blick.ch

 

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