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Papi ist jetzt hip

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 23. Juli 2017 at 10:58

Väter als Musen der Designer – daran müssen wir uns jetzt gewöhnen. Der Trend heisst Dadcore und ist gekommen, um zu bleiben.

Jahrelang lachten Männer über Designerkleider: zu feminin, zu unbequem, schlichtweg peinlich kamen sie ihnen vor, entworfen von Schwulen für Schwule.

Damit ist jetzt Schluss. Die Kollektionen der Männermodewochen in London, Mailand, Paris und New York, die vergangene Woche endeten, zeigten für 2018 einen Look, den viele Männer bereits jetzt jeden Morgen im Spiegel sehen: Dadcore.

Das Modewort bedeutet so viel wie «hardcore väterlich» und beschreibt den funktionalen Normalo-Stil, in dem sich viele Daddys gerne kleiden. Vor allem in den USA. Dort feiert selbst Ex-Präsident Barack Obama (55) sein zurückgewonnenes Familienleben in Dadjeans, dem Kernstück der typischen Papi-Garderobe.

Sie sind weit geschnitten, vorzugsweise stonewashed, verfügen über zahlreiche Gürtelschlaufen oder einen Bund mit Gummizug – je nach väterlichem Bauchumfang.

Luxusmarken spielen mit der Anti- Ästhetik von Dadcore. Hausmänner in alten Turnschuhen, die Kinderwagen vor sich herschieben, Geschäftsleute in zerzausten Anzügen auf dem Spielplatz: je unmodischer, desto besser. Zentral sind schlabbrige Schnitte, viel Beige und sportliche Accessoires wie gewölbte Sonnenbrillen.

Dads sollten sich nicht zu früh geschmeichelt fühlen

Am krassesten zieht Demna Gvasalia (36) das Thema durch. Der neue Chefdesigner von Balenciaga schickte Models mit ihren Kindern im Pariser Park Bois de Boulogne den Laufsteg hinunter. Seine Inspiration sind Geschäftsleute, die Freizeit mit dem Nachwuchs geniessen. «Junge Väter mit ihren Kindern zu sehen, ist so etwas Schönes», sagt Gvasalia, der sich jüngst in Zürich mit seinem eigenen Label Vetements niederliess. «Es wirkt so hoffnungsvoll und positiv.»

Balenciagas Interpretation der Dadjeans ist so verwaschen, dass fast keine Farbe mehr zu sehen ist. Das Model in der Show trägt sie zu einem zerknitterten Hemd und einem Blazer in Übergrösse. Kostenpunkt des auf den zweiten Blick doch recht extravaganten Ensembles: mehrere Tausend Dollar. Nicht einmal der Designer selbst bildet sich ein, dass Väter jetzt Balenciaga kaufen.

Worum es wirklich geht: Jeder wirklich coole Modefan versucht, seine Outfits möglichst mühelos und zufällig wirken zu lassen. Bei den Vätern wirkt das nicht nur so, es passiert automatisch.

Dass Männer, die keine Sekunde lang über ihr Outfit nachdenken, jetzt als Musen gelten, ist unter diesem Aspekt nachvollziehbar. Wenn auch nicht besonders schmeichelhaft für die Musen selbst.

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Version Blick.ch

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