Journalist

«Ich wollte der Gefahr ins Gesicht sehen»

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 28. Mai 2017 at 09:34

Sie wuchs in einer ultraorthodoxen, jüdischen Splittergruppe in New York auf. Heute wohnt Bestsellerautorin Deborah Feldman (30) in Berlin und ist nur noch teilweise die Alte.

Frau Feldman, vor acht Jahren sind Sie aus einer ­jüdisch-orthodoxen Splittergruppe ­ausgestiegen. Wie würde Ihr Leben aussehen, wenn Sie geblieben wären?
Deborah Feldman: Mit 30 Jahren hätte ich bereits sechs bis sieben Kinder. Man würde mich eine Schmatta nennen.

Was bedeutet das?
Eine ältere Frau, deren Körper durch das ­Gebären schlaff geworden ist. «Schmatta» ist Jiddisch für «Lumpen».

Und wie sieht Ihr Leben heute tatsächlich aus?
Ganz normal, wenn nicht sogar konservativ. Ich mache Spaziergänge mit meinem Hund durch Berlin-Kreuzberg, wo ich seit kurzem wohne. Ich lese und schreibe gerne, habe ­einen Sohn und einen Freund. Vor allem aber treffe ich Entscheidungen selbst. Für mich ist das nicht selbstverständlich. Frauen haben dort, wo ich herkomme, nichts zu melden.

Sie wuchsen bei den Satmarern in Williamsburg auf, einem Teil des New Yorker Stadtbezirks Brooklyn. Schon kleine Mädchen sind in dieser von der Aussenwelt abge­kapselten Gemeinschaft strengen Regeln unterworfen.
Ab drei müssen sie Handgelenke, Schlüsselbeine und Knie bedecken. Ab zwölf sind die Mädchen nicht mehr nach 19 Uhr auf der Strasse zu sehen. Autofahren ist für Frauen tabu, Studieren sowieso. Alle sprechen ausnahmslos Jiddisch. Englisch lernte ich dank Büchern, die ich mir heimlich besorgte.

Wie sind die Regeln für Buben?
Stabiler. Als Mädchen wartet man nur darauf, was als Nächstes verboten wird. Man machte uns für alles verantwortlich. Wenn ­irgendwo auf der Welt ein Jude umgebracht wurde, war das Gottes Strafe dafür, dass wir in Williamsburg zu durchsichtige Strümpfe trugen.

Worum geht es dabei?
Darum, die Frau absolut zu kontrollieren. Denn sie ist unentbehrlich, produziert Kinder und macht die Arbeit, damit der Mann den ganzen Tag beten und Schriften studieren kann. Frauen machen nur mit, weil sie keine andere Wahl haben. Wer will sich schon freiwillig versklaven lassen!

Ihre neue Erzählung «Überbitten» ist die Fortsetzung Ihres Bestsellers «Unorthodox» und beschreibt die Jahre nach Ihrem Ausstieg. Indem Sie sich auf die Spuren Ihrer Grossmutter begeben, bei der Sie aufwuchsen, kommen Sie mit Ihrer eigenen Vergangenheit ins Reine.
Meine Grossmutter war die einzige Person in meiner Vergangenheit, die mir Wärme gab. Hauptsächlich, indem sie für mich kochte, denn emotional war sie sehr verschlossen.

Sie hat den Holocaust überlebt, weil sie kleine Hände hatte. Mit diesen musste sie Glühbirnen mit Heissleim zusammenkleben. Der Rest ihrer zehnköpfigen Familie wurde an einem Tag vergast. Als der Krieg zu Ende war, fand man Ihre Grossmutter zitternd unter einem Leichenberg.
Ich habe das alles bei meinen Nachforschungen herausgefunden, meine Grossmutter hat nie darüber gesprochen. Mir fiel einfach auf, dass ihre Hände absolut hitzeresistent waren. Sie konnte die heissesten Pfannen vom Herd nehmen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wenn man solche Geschichten hört, kann man den Fanatismus der Satmarer nachvollziehen. Die Gemeinschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Überlebenden des Holocausts gegründet und glaubt, der sei Gottes Strafe dafür gewesen, dass sich die Juden in Europa angepasst hatten.
Ich bin nicht wütend auf die Satmarer, wie könnte ich auch. Mitleid verspüre ich – und Trauer. Wenn ich an meine Vorfahren denke, sehe ich ein grosses, schwarzes Loch. Umso mehr wollte ich herausfinden, wer meine Grossmutter war, bevor die Nazis sie mit 17 aus Ungarn deportierten. Sie hatte einmal erwähnt, wie sie mit einer wohl­habenden Verwandten mondäne Kurorte ­bereiste. Also begab ich mich auf die Spuren der Juden in Europa.

Als Erstes fanden Sie in einem ungarischen Dorf das Haus, in dem Ihre Grossmutter aufwuchs.
Als Amerikanerin hatte ich so etwas noch nie gesehen und war dementsprechend verwirrt. Alles war uralt und heruntergekommen. Es war aber auch das erste Mal, dass ich mir meiner eigenen Vorurteile bewusst wurde.

Wie meinen Sie das?
Die Roma-Frau, die das Haus meiner Grossmutter bewohnte, nahm aus Mitgefühl für meine Geschichte meine Hand. Ich drehte meine Handfläche nach oben, weil ich automatisch dachte, dass sie meine Zukunft lesen wollte. Das war mir peinlich.

In Deutschland verliebten Sie sich dann in einen Bayern, dessen Grosseltern glühende Hitler-Verehrer waren.
Mir wurde als Kind eingeimpft, dass alle Deutschen Nazis sind. Ich wollte der Gefahr, von dem meine Grossmutter gesprochen hat, endlich ins Gesicht sehen. Auch hier musste ich mich eines Besseren belehren lassen.

Inwiefern?
Menschen sind zu komplex, als dass man sie alle in einen Topf werfen kann. Manche hassen, manche nicht. Manche kämpfen gegen den Hass, manche nicht. Meine Grossmutter ist im Gegensatz zu mir nur einer Art von Deutschen begegnet. Je länger ich mich in Deutschland aufhielt, desto weniger habe ich mich mit meiner Opferrolle identifiziert.

Was hat Sie während Ihrer Spurensuche am meisten beeindruckt?
Wie detailliert die Erlebnisse meiner Grossmutter in Schweden dokumentiert waren, wo man sie nach ihrer Rettung aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen vorübergehend aufgenommen hatte.

Das war nicht überall so.
Nein, in Ungarn fand ich nur einen Eintrag mit einem Todesdatum für den Rest ihrer ganzen Familie. Als wären sie rein zufällig alle an einem Tag gestorben.

Wann haben Sie Ihre Grossmutter zum ­letzten Mal gesehen?
Vor acht Jahren – am Tag, bevor ich wegging.

Haben Sie sich verabschiedet?
Nein, damit hätte ich mein Vorhaben verraten. Ich weiss auch nicht, ob sie noch lebt. Es gibt keine Möglichkeit für mich, das herauszufinden.

Indem Sie die Satmarer verliessen, kappten Sie alle Verbindungen zu Familie und Bekannten. Als Sie über Ihre Erlebnisse zu schreiben begannen, schlug Ihnen ­blanker Hass entgegen. Cousins empfahlen Ihnen in Briefen, sich umzubringen.
Es gibt eine ungeschriebene Abmachung: Wer die Satmarer verlässt, behält alles für sich wie ein heiliges Geheimnis. Für mich sind diese Dinge aber nicht heilig. Deshalb erzähle ich alles und lasse auch den Umgang der Gemeinschaft mit Sexualität nicht aus. Was ich tue, ist ein absoluter Tabubruch.

Sie kannten tatsächlich viele Abtrünnige, die Suizid begingen. Als Aussenstehender ist das schwierig nachzuvollziehen.
Viele meistern den Übergang in eine neue Welt nicht. Es ist eben nicht nur einfach toll, neu anzufangen. Das sehen wir ja hier in ­Europa. Man kann den Flüchtlingen, die hier-herkommen, nicht einfach sagen: «Jetzt habt ihr Freiheit und Sicherheit, was beschwert ihr euch noch.» Es braucht viel Arbeit und Zeit, bis ein Mensch neue Wurzeln schlagen kann.

Wie haben Sie es geschafft?
Ich hatte einen Sohn, der auf mich angewiesen war. Vor allem aber hat mir das Schreiben geholfen. Es war die beste Therapie.

Auch jüdische Kreise ausserhalb des Mikrokosmos der Satmarer kritisieren Sie. Man glaubt, Sie böten Menschen, die sowieso schon Ressentiments gegen Juden haben, ein gefundenes Fressen.
Ich finde das absolut inakzeptabel. Leute wie ich sollen aus Angstvor Antisemitismus und für ein möglichst perfektes Image ge­opfert werden. Es ist so leicht für liberale Juden, ihr schönes Leben zu leben und auszublenden, dass es Leute gibt, die im Namen derselben Religion leiden.

Warum sind Sie nach Berlin gezogen?
Weil Literatur hier gelebt wird und Geld nicht an erster Stelle steht. Trotz all dem Drama bin ich sehr spirituell aufgewachsen. Dieser Teil lebt in mir, und Berlin lässt das zu. Ich möchte nie wieder weg von hier, habe Freunde gefunden und fühle mich vom politischen System beschützt.

Sie schreiben, die Verurteilung des Neo­nazis Marcel Zech habe Sie mit Deutschland versöhnt. Er kassierte diesen April eine achtmonatige Freiheitsstrafe, weil er in ­einem Berliner Freibad sein Tattoo mit dem Eingangstor von Auschwitz gezeigt hatte.
Ich hatte ihn selbst im Freibad gesehen und war so gelähmt, dass ich nichts getan habe. Dass jemand anders das für mich übernommen hat, tat gut. Ich habe die Gerichtspro­zesse beobachtet und kam zum Schluss, dass man sich auf diesen Staat verlassen kann. Ich habe Anerkennung für das politische und ­gesetzliche System, in dem Menschen wie Zech nicht einfach durch die Maschen fallen.

Wie gläubig sind Sie heute noch?
Gar nicht mehr. Wenn ich Lust habe, feiere ich mit Freunden jüdische Festtage. Wenn ich aber einen verpasse, ist das nicht so schlimm. Nur beim Kochen pflege ich die Tradition.

Wie denn?
Ich koche alle Rezepte meiner Grossmutter und gebe ihnen meinen eigenen Twist. Zum Beispiel Tscholent, ein jüdisches Eintopfgericht. Oder Shlishkes, kleine Kartoffelklösse mit Bröseln serviert.

Wie erlebte Ihr Sohn die Satmarer?
Er war drei Jahre alt, als wir weggingen, und kann sich nicht mehr erinnern. Auch sein ­Vater, den er zwei Mal pro Jahr in den USA besucht, ist inzwischen aus der Gemeinschaft ausgestiegen. Einmal fuhr ich mit meinem Sohn im Auto durch Williamsburg, und er fragte mich, wer die Menschen in ihren ­komischen Kleidern seien. Ich habe ihm ­gesagt, dass er fast so aufgewachsen wäre.

Was hat er geantwortet?
«Gut, dass du gegangen bist.»

 

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Version Blick.ch

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