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Lady am Ball

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 19. Februar 2017 at 06:26
Lady Gaga hat sich in nur einer Woche ihren Platz im Scheinwerferlicht zurück erobert. Dass sie längst keine Hits mehr produziert, spielt keine Rolle.

Wenn jemand eine Situationen für sich nutzen kann, dann Lady Gaga. Da steht die 30-jährige New Yorkerin also in Los Angeles auf der Bühne der «Grammys» von vergangener Woche. Zusammen mit Metallica. Die schlecht gealterte Heavy-Metal-Band ist für den Award «Best Rock Song» nominiert. Gaga, die im Herbst ihr viertes Solo-Album «Joanne» veröffentlichte, hat es hingegen in keine einzige Kategorie der amerikanischen Musikpreisverleihung geschafft.

Schon nach wenigen Takten ist klar: Es wird ihre Show werden und nicht die von Metallica. Lady Gaga röhrt sich die Seele aus dem spärlich bekleideten Leib, schüttelt ihre dreckig blondiertes Haar, als hätte sich eine Tarantel darin verfangen und zuckt dabei mit den Hüften wie eine Aerobic-Trainerin mit Aufmerksamkeitsdefizit. Als dann das Mikrofon des Band-Leaders schlapp macht, können die angegrauten Herren nur noch zusehen, wie ihr Gast sie gänzlich zu Statisten ihres eigenen Auftritts degradiert.

In nur einer Wochen und nach einem fast vierjährigen Karrieretief hat sich Stefani Germanotta, so ihr gebürtiger Name, ihren Platz im Scheinwerferlicht zurückerobert.

Das Fleisch-Kleid bleibt in Erinnerung, die Musik nicht

Die Glückssträhne beginnt Anfang Februar mit Gagas Show in der Halbzeit-Pause des Super Bowls. Der Final der amerikanischen Football-Liga verfolgen weltweit rund 800 Millionen Fernsehzuschauer. Coldplay, Bruno Mars oder Beyoncé gaben sich die vergangenen Jahre bereits die Ehre – alles Künstler mit beachtlicher Hitparaden-Konstanz. Nicht so Lady Gaga, die ihren letzten internationalen Nummer-1-Hit «Born This Way» vor sechs Jahren verbuchte. Von ihrem Debüt «The Fame» hatte die Sängerin noch rund 15 Millionen abgesetzt, heute schafft sie mit einem Album nicht mal mehr einen Zehntel davon.

«Es gibt vieles, das man sofort mit Lady Gaga verbindet, ihre Musik fällt nicht unbedingt darunter», schreibt die deutsche Zeitung «taz» in diesem Zusammenhang treffend. Natürlich erinnern sich Popfans gerne an Songs wie «Bad Romance», «Paparazzi» oder «Telephone». Aber hätten sich diese Hits auch nur halb so stark ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, wenn mit ihnen nicht Performances im Rollstuhl einhergegangen wären? Wenn Lady Gaga im kleinen Schwarzen an den MTV-Awards erschienen wäre statt in einem Kleid aus rohem Rindfleisch?

Wohl kaum. Wie gut sich Pop mit der richtigen Inszenierung verkaufen lässt, hat bereits Grace Jones (68) in den 1980er-Jahren bewiesen. Viele Alben der jamaikanischen Disco-Queen sind heute Klassiker. Auch wenn Lady Gaga zu den fünf besten Sängerinnen der Unterhaltungsbranche gehört: Ihre Musik wird sich in dreissig Jahren niemand mehr anhören.

Im September kommt Lady Gaga nach Zürich

Doch das macht nichts, denn Gaga sieht man sich in erster Linie an. Auch in der Schweiz gibts dazu bald die Gelegenheit. Ihr für den 24. September angekündigtes Konzert im Zürcher Hallenstadion ist schon beinahe ausverkauft. Als Gesamtkunstwerk und menschliches Chamäleon hat sich Lady Gaga in der Popgeschichte verewigt.

Und sich gerade wieder einmal ein neues Image zugelegt. Auf Dauer war das Alter Ego «Mother Monster» dann doch etwas zu anstrengend mit den theatralischen Perücken und grellen Latex-Kostümen.

Mutter Monsters Nachfolgerin ist näher bei den Leuten. Eine verruchte Version des All-American Girl irgendwo zwischen Rockerbraut, Cheerleader und einer weiblichen Ausgabe von Bruce Springsteen. Sie vergöttere amerikanische Männerkultur, sagte Lady Gaga in einem Interview. «Bars, Bier, Muscle-Cars» seien genau ihr Ding. Im patriotisch aufgeladenen Klima ihres Heimatlandes scheint sie damit einen Nerv zu treffen.

Gleichzeitig hat sich kein Star mehr für Minderheiten eingesetzt als die katholisch erzogene Italo-Amerikanerin, die ihre Karriere in den Gay-Clubs Manhattan startete. Lady Gaga sprach an der Gedenkfeier für die Opfer des Massakers in Orlando, stand öffentlich zu ihren Depressionen und solidarisierte sich mit Opfern von sexueller Gewalt, zu denen sie selbst gehört. Als der neue Präsident gewählt wurde, protestierte die Clinton-Anhängerin mit einem «Love Trumps Hate»-Schild vor dem Trump Tower.

 «Ich möchte zeigen, dass wir im Herzen alle gleich sind»

Entsprechend gespannt war die amerikanische Presse, ob Lady Gaga den Auftritt am Super Bowl für politische Anliegen nützen würde. Sie glaube an Inklusion und Gleichberechtigung, sagte sie im Vorfeld. «Denjenigen Menschen, die glauben, ganz anders zu sein als ich und meine Fans, möchte ich zeigen, dass wir im Herzen eigentlich alle gleich sind.»

Lady Gaga gab dann zum Auftakt Zeilen aus «God Bless America» und dem Bürgerrechts-Hymne «This Land Is Your Land» zum Besten, bevor sie zu einem Medley ihrer grössten Hits überging. «Die Vermischung von Pop und Politik überlässt sie dem Präsidenten», schreibt die «Die Zeit» in einer Analyse.

Man mag Gaga kommerzielles Kalkül vorwerfen. Doch eigentlich hat sie Inklusion vorgelebt, indem sie niemandem auf die Füsse stand und niemanden ausschloss. Vielleicht hat sich die viel zitierte gespaltene Gesellschaft der USA dank einer Popsängerin an diesem Abend für einen kurzen Moment so einig gefühlt wie schon lange nicht mehr.

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Version Blick.ch

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