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«Man muss sich selber helfen»

In «Sonntagsblick Magazin», Gesellschaft on 8. Januar 2017 at 11:15

bild_kafiSie ist die erfolgreichste Kummerkasten-Tante der Schweiz: Kafi Freitag (41) über die grössten Sorgen der Schweizer, Online-Dating und das raue Umfeld ihrer Kindheit.

Frau Freitag, wie haben Sie den Tag begonnen?

Kafi Freitag: Ich habe in meiner Küche getanzt. Das mache ich immer, bevor ich rausgehe.

Nach einer bestimmten Choreografie – oder wie darf man sich das vorstellen?

Nein, nein. Ich hüpfe einfach zehn Minuten in der Küche herum. Vor dem Duschen.

Zu welchem Song?

Heute war es «Hautnah» von Udo Jürgens. Ich höre seine Lieder, seit ich dreizehn bin, habe für jede Stimmung den richtigen Song. Ein Repertoire, in dem ich mich wie in einem Arzneischränkchen bedienen kann.

Wie beneidenswert! Andere verschlafen und hetzen aus dem Haus.

Ich würde gerne länger schlafen, aber mit einem Kind geht das nicht. Mit Musik kann ich mich wahnsinnig gut pushen. Sie ist neben Autofahren eine wichtige Ressource für mich.

Ressourcen ist eines Ihrer Lieblingswörter. Was verstehen Sie genau darunter?

Etwas, das einem guttut. Manche stresst es, im Auto zu sitzen, für mich fühlt es sich an wie ein Spa-Besuch mit Massage. Ich komme mit meinen Gedanken ins Reine, alles sortiert sich.

Sie beantworten auf Ihrem Blog «drängende Fragen des Lebens», wie Sie es nennen. Die senden Ihnen mehr oder weniger besorgte Menschen per E-Mail. Was unterscheidet Sie von anderen Ratgebern?

Dass ich viel Persönliches von mir preisgebe. Wenn man einem Sexologen oder einem Styling-Experten eine Frage stellt, antwortet er selten: «Ich mache das so und so.» Oder: «Das ist meine Lieblingsstellung, probier sie mal aus!» Ich hingegen handle ein Thema nie nur theoretisch ab.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Ich habe einmal einer Frau Tipps gegeben, wie sie sich friedlich scheiden lassen kann. Dass sie versuchen soll, mit ihrem Expartner so gut wie möglich ins Reine zu kommen, besonders, wenn Kinder im Spiel sind. Also nicht nur einen giftigen Anwalt in den Kampf schicken. Viele, die das tun, sind danach beziehungsunfähig. Sie haben selbst den schmerzhaften Prozess gar nie bewältigt.

Sind Sie verheiratet?

Ich bin zwei Mal geschieden. Mein Sohn pendelt zwischen meinem Exmann und mir. Ich weiss also, wovon ich rede.

Wünschten Sie sich manchmal, Sie hätten auch jemanden, dem Sie wichtige Lebensfragen stellen könnten?

Machen Sie sich keine Sorgen! Meine beste Freundin hat immer einen guten Rat.

Welche Themen beschäftigten Ihre Leser im vergangenen Jahr besonders?

Viele Schweizer fragen, ob sie es geniessen dürfen, in unserer privilegierten Welt zu leben, während Millionen Menschen unter Kriegen leiden oder vor ihnen auf der Flucht sind.

Und, dürfen sie?

Absolut! Ich glaube nicht, dass die Welt besser wird, wenn wir in der Schweiz einen Lätsch machen. Jeder kann aber dafür sorgen, dass er wenigstens in seinem Mikrokosmos, in dem er sich bewegt, anständig mit anderen Menschen umgeht. Ich bin überzeugt, das kann zu etwas Grösserem heranwachsen.

Was sind die Dauerbrenner?

Beziehungen beschäftigen am meisten, also unter dem Strich zusammengefasst die Liebe. Vieles dreht sich um Online-Dating. Ich arbeite ja hauptberuflich als Coach. Auch in meiner Praxis habe ich viele Frauen und Männer, die sich in der digitalen Welt nicht zurechtfinden.

Sind Sie selbst liiert?

Ja, aber ich habe meinen Freund nicht im Internet kennengelernt. Für mich wäre das gar nichts. Die Unverbindlichkeit, die dort herrscht, würde mir zusetzen.

Woher rührt sie?

Das Fenster zur Welt ist grösser geworden. Selbst in Syrien kann jemand schnell herausfinden, wie es in anderen Teilen der Welt aussieht. Dasselbe gilt in der Partnersuche. Ein Dorfbewohner hat auf Dating-Plattformen die gleiche Auswahl wie ein Städter. Keiner mag sich mehr binden, es könnte ja gleich jemand Spannenderes um die Ecke kommen.

Die Qual der Wahl?

Sozusagen. Die Leute haben ein Date und wissen: Das Gegenüber trifft gleich noch sechs andere potenzielle Partner. Man befindet sich in einem Casting-Prozess. Damit muss ein Single erst mal umgehen können.

Was raten Sie Online-Dating-Versehrten?

Nicht mit dem Handy vor dem Gesicht durch die Welt laufen und wieder mal jemandem in die Augen schauen. Sie sollen signalisieren, wenn ihnen jemand gefällt. Und diese Person vielleicht sogar ansprechen.

Ihr «sogar» verweist darauf, wie schwierig das sein kann.

Viele meiner Klienten machen es nicht, weil sie Angst haben, dass ihr Interesse nicht erwidert wird. Das Gesicht zu verlieren, ist für sie das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. Deshalb sage ich zu ihnen: Ohne diesen Einsatz könnt ihr es vergessen. Das ist Teil des Spiels.

Auf Ihrem Blog zeigen sich die Fragesteller nicht unbedingt immer von der besten Seite. Wann werden Sie sauer?

Wenn ich mich ausgenutzt fühle. Einmal schrieb mir ein Mann mit zwei Kindern, dass er eines Tages aufgewacht sei und sich gefragt habe, ob es das jetzt gewesen sei für ihn: verheiratet, zwei Kinder. Leider hat er mir erst nach meiner Antwort mitgeteilt, dass er seit drei Monaten eine Affäre hatte. Er wollte meine Absolution, ohne selbst die Wahrheit zu sagen. Daraufhin habe ich ihm so richtig den Kopf gewaschen.

Und, wie reagierte der Mann?

Er rechtfertigte sich, sagte, seine Geliebte sei seine Seelenverwandte, sie höre ihm zu, und der Sex sei so schön. Der Tubel! In den ersten drei Monaten hängt einem jede Frau an den Lippen und gibt im Bett alles. Danach verliert alles an Spannung. Wer wegen dieser kurzen Zeit seine Familien verlassen will, dem kann ich auch nicht helfen.

Sie beraten auch Leute, die vor einschneidenden Entscheidungen stehen. Zum Beispiel Frauen, die an Abtreibung denken. Ist das nicht riskant? Sie haben ja ausser der Info in den E-Mails keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben.

Deshalb hüte ich mich bei solchen Fragen davor, jemandem die Entscheidung abzunehmen. Der schwangeren Frau habe ich vereinfacht gesagt geraten, sich zu fragen, womit sie besser leben kann: mit einem Schwangerschaftsabbruch oder mit einem Kind. Wenn ich spüre, dass jemand richtig in Not ist, empfehle ich, einen Psychologen zu konsultieren.

Es sind überdurchschnittlich viele Frauen, die sich an Sie wenden. Wahrscheinlich können sie besser Ratschläge annehmen.

Absolut! Bis Männer sich helfen lassen, muss ihnen das Wasser bis zum Hals stehen.

Warum ist das so?

Stolz ist sicher ein Thema. Oftmals fehlt ihnen auch das Vokabular, um Gefühle zu artikulieren. Frauen spielen da auf der grösseren Klaviatur. Reden ist die Basis ihrer Freundschaften untereinander.

Sie geben mit einer Geschäftspartnerin Seminare für Frauen. Die tragen Titel wie «Lust am Leben». Kein Unisex-Thema?
Doch. Zu Beginn waren die Seminare auch gemischt. Doch leider mussten wir feststellen, dass sich Frauen in der Anwesenheit von Männern massiv zurücknehmen. Sich fast schon klein machen.

Dieses Problem scheinen Sie zum Glück nicht zu haben.

Stimmt. Mein Vater sagt, ich sei ein Kerl im Körper einer Frau. Ich bin in einem sehr rauen Umfeld aufgewachsen. Mein Vater hatte ein Geschäft für Werkzeuge. Sein Warenlager war mein Spielplatz. Ich bin nie in schönen Kleidern herumgelaufen, durfte keine langen Haare tragen, weil meine Mutter das unpraktisch fand.

War das hart?

Natürlich hätte ich gerne Barbies Traumhaus besessen. Rückblickend bin ich aber froh, nie mit dem Gefühl aufgewachsen zu sein, jemandem gefallen zu müssen. Ich kann heute hinstehen und meine Meinung vertreten, auch wenn sie unpopulär ist. Viele Frauen fürchten sich davor. Wer unterbewusst immer das Gefühl hat, herzig sein zu müssen, kann keine Dinge einfordern wie einen Lohn, der nicht vom Geschlecht abhängt.

Wollen Männer nicht auch gefallen?

Doch, aber mehr durch Leistung. Beispielsweise im Sport. Frauen wollen mit ihrer Art gefallen. Deshalb haben sie auch viel mehr Angst vor Kritik. Denn wenn dich jemand als Person nicht gut findet, kränkt das viel tiefer, als wenn jemandem einfach nicht passt, was du machst.

Leiden Männer nicht an den gleichen Unsicherheiten – trauen sich aber nicht, darüber zu reden, weil sich das in unserer Gesellschaft nicht gehört?

Natürlich gibt es nicht «den Mann». Tendenziell hinterfragen sich Männer aber nicht so schnell wie Frauen.

Ratgeber-Blogs und Coaching-Angebote boomen. Den Leuten wird vorgegaukelt, dass sich jede schiefe Gefühlslage mit der richtigen Einstellung und allenfalls ein paar Atemübungen in den Griff bekommen lässt.

Was ich den Ratsuchenden mitgebe: die Fähigkeit, sich aus einer Stimmung herauszuholen, wenn die für sie mühsam wird. Ich appelliere an die Eigenverantwortung. Viele haben eine wahnsinnige Erwartungshaltung, dass man ihnen hilft. Sie warten darauf, dass jemand anders sie glücklich macht. Aber das funktioniert nicht. Schlussendlich muss man sich selbst helfen.

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Version Blick.ch

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