Journalist

«Das Modegeschäft ist super schnell und extrem langsam»

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 20. November 2016 at 15:04
bild_zigerliJulian Zigerli (32) bekommt für seine Männermode viel Lob, aber wenig Lohn. Damit muss der Designer leben.

Er gilt als hellster Stern am helvetischen Modehimmel. Julian Zigerli durfte als erster Schweizer Designer seine Männerkollektion an der Mailänder Fashion Week zeigen – auf persönliche Einladung von Altmeister Giorgio Armani (82). Der Ustermer Zigerligestaltet seine farbenfrohe Mode in Zürich, zählt Persönlichkeiten wie Dieter Meier (71, Yello) zu seinen Kunden und gewann bereits drei Mal den Swiss Design Award – die höchste Auszeichnung hiesiger Gestalter. An der vergangenen Werkschau Mode Suisse sorgte er für Aufsehen, indem er Menschen mit Handicaps, darunter seine Schwester, seine Kreationen vorführen liess.

Herr Zigerli, Sie entwerfen gestrickte Einteiler und Taschen in Form von Plüschtieren. An wen richtet sich Ihre Mode?

An aufgeschlossene Männer, die es bunt und verspielt mögen.

Wer mit Männermode Geld verdienen will, hats schwer. Grenzt Ihre ausgefallene Herangehensweise nicht an kommerziellen Selbstmord?

In dieser Branche Geld zu verdienen, ist tatsächlich für niemanden einfach. Seit ich vor fünf Jahren mein Label gründete, erlebt Menswear aber einen Boom. Natürlich ist ihr Anteil im Vergleich zur Frauenmode noch klein. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich weniger Konkurrenzdruck habe.

Seien wir ehrlich: Jede Saison setzen Kreative Männern Sachen vor, die sie nie und nimmer tragen werden.

Klar würde ich mich über mehr Mut freuen. Aber für die grosse Masse sind meine Teile eh nicht gedacht. Sie sind einzigartig: Einen Zigerli erkennt man auf der Strasse sofort. Viele Kunden wissen das zu schätzen – darunter auch Frauen.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, eine Kollektion für Frauen zu entwerfen?

Für die kommende Saison haben wir erstmals spezifische Frauenteile entworfen und führen, wie viele andere Labels, vermehrt Unisex-Teile im Sortiment. Alle sind sehr gerade geschnitten. Wer Körperbetontes mag, findet bei mir wenig. Auch kurvige Frauen sind nicht meine Hauptklientel.

Verletzt es Sie, wenn sich jemand über Ihre Kreationen lustig macht?

Ich nehm es locker. Viele verstehen meine Mode nicht. Dinge ins Lächerliche zu ziehen, zu denen man keinen Zugang hat, ist allerdings recht einfach.

Wie stark kann ein Designer überhaupt beeinflussen, was Menschen tragen?

Ich mache mir da keine Illusionen. Vor meiner Zeit war das vielleicht anders. Da entwarf ein Designer Schlaghosen, und die ganze Welt trug sie. Heute bringt jede Saison Tausende Trends hervor. Es gibt fast nichts, womit man out ist.

Bedauern Sie das?

Überhaupt nicht. Ich bin damit aufgewachsen und kenne es nicht anders. Als Designer geniesse ich viele Freiheiten, muss mich keinen Modeströmungen unterwerfen.

Sie haben drei Mal den Swiss Design Award gewonnen. Vor zwei Jahren lud Giorgio Armani Sie an die Mailänder Modewoche ein. Wie hat sich das auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Es bescherte mir vor allem in der Schweiz viel Aufmerksamkeit. Hier müssen Kreative erst einmal im Ausland Erfolg haben, bis sie ernst genommen werden. Im Stil von: Der Armani findet ihn toll, dann muss es ja stimmen (lacht).

Wo stehen Sie heute mit Ihrem Label?

Es trägt sich fast selbst. Ich kann aber noch nicht davon leben und bin neben den Praktikanten der Einzige in meinem vierköpfigen Team, der nichts verdient. Dass man mit dem Minimum auskommen muss, ist in dieser Branche ganz normal, auch wenn es viele nicht zugeben. Zu meinem Lohn gehören auch nichtmaterielle Dinge wie der Applaus nach einer gelungenen Show.

Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Meine Eltern unterstützen mich finanziell. Julian Zigerli ist ein Familienunternehmen. Meine Mutter kommt auch mal ins Atelier und greift zur Schere, wenns sein muss. In Zukunft sind wir aber auf Investoren angewiesen.

Ihr Vater war Berufspilot. Muss man aus gutem Haus kommen, um Designer zu werden?

Voraussetzung ist Kreativität. Die kann man sich nicht kaufen. Dass ich von Anfang an Vollzeit für mein Label arbeitete, wäre ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern aber niemals möglich gewesen. Ich hätte nebenher jobben müssen und würde heute an einem ganz anderen Punkt stehen mit dem Label. Wenn es überhaupt noch existieren würde.

Wie einfach leben Sie?

Ich wohne in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, habe immer etwas zu essen und einen grossen Fernseher. Ich gehe an Orte in die Ferien, an denen ich bei Freunden übernachten kann, und dank meinem Vater kann ich günstig fliegen. Nur auf Luxus muss ich verzichten. Ich habe kein Auto und selten Geld für neue Dinge. Ich trage fast nur alte Sachen und Julian Zigerli.

Was spornt Sie an, weiterzumachen?

Wir sind viel zu weit, um wieder aufzuhören und produzieren mittlerweile rund 400 Stück pro Kollektion. Wir haben eine Zweitlinie mit Basics und in Zusammenarbeit mit dem Traditionslabel Zimmerli eine Capsule Collection für luxuriöse Unterwäsche lanciert. Die Hauptlinie verkaufen wir unter anderem über Läden in Zürich und New York. Aber auch in Japan setzten wir gut ab.

Exzentrische Kleidung ist in Japan sehr beliebt, obwohl die Japaner in ihrem Wesen zurückhaltend sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nicht wirklich. Was ich weiss: Die Menschen in Japan haben ein ganz anderes Bewusstsein für Design als vergleichsweise Schweizer. Sogar Schüfeli und Bäseli sind dort schön gemacht. Und es ist eine Prestige-Angelegenheit, den Nachwuchs cool zu kleiden. Den Japanern wird Mode in die Wiege gelegt.

Und uns?

Schweizer kleiden sich von Haus aus gut – wagen aber wenig. Schon mit der Farbe Pink fällt ein Mann hier auf. Es braucht mehr Mut, sich in der Schweiz exzentrisch zu kleiden als zum Beispiel in London, wo man mit verrückten Looks einer unter vielen ist.

Man sagt, bei Schweizern stehe die Qualität der Kleider an erster Stelle.

Das ist ein Mythos. Modeketten wie Zara machen in der Schweiz sehr gute Umsätze. Qualität kann also nicht allzu wichtig sein.

Sie haben in Berlin Mode studiert, weil Sie in der Schweiz eine Matura gebraucht hätten. Heute unterrichten Sie als Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, die den renommiertesten Studiengang für Mode-Design führt. Was bringen Sie den Studenten bei?

Ich helfe Ihnen, ihre Handschrift zu finden. Und sage zu ihnen: Nutzt jetzt die Gelegenheit, euch kreativ auszutoben! Später habt ihr vielleicht einen Boss oder müsst euch überlegen, was sich gut verkauft.

Wie gut waren Sie dank Ihrer Ausbildung auf den Job vorbereitet?

Gut, was das Kreative, schlecht, was den Business-Aspekt betrifft. Mode entwerfen zu lernen, ist aufwendig. Es bleibt wenig Zeit für anderes. Dabei ist es zum Beispiel auch wichtig, sich als Person gut zu verkaufen. Viele Jungdesigner kriegen schon eine Krise, wenn sie sich fotografieren lassen müssen. Sie denken: Meine Arbeit steht doch für mich! Aber das stimmt nicht.

Wie wichtig ist Mode für die Welt?

Passiert auf der Welt etwas Schlimmes wie ein Terroranschlag, frage ich mich immer als Erstes: Warum machst du den Scheiss überhaupt? Auf der anderen Seite: Jeder Mensch braucht Kleidung, wenn er nicht nackt aus dem Haus gehen will. Das Geschäft damit ist nicht grundlos eines der grössten.

Die Social-Media-Plattform Instagram ist heute für die Mode eine der wichtigsten Plattformen. Ihnen folgen dort rund 10 000 Menschen, der Schweizerin Ronja Furrer dreimal so viel. Models sind heute oft bekannter als Designer. Das muss frustrierend sein.

Als Designer darf ich keinerlei Allüren haben. Ich muss mich vor den Buyern, die für die Läden einkaufen, verbeugen. Das gilt auch für die Presse – und wenn ich gute Models will, muss ich auch ihnen den Hof machen. Designer wollen ja immer etwas von den anderen. Ausser, man hat das Renommee eines Karl Lagerfelds. Dann ist es umgekehrt.

Wie lange wird es dauern, bis auch Sie so weit kommen?

Noch sehr, sehr lange. Das ist das Widersprüchliche an der Mode: Sie ist super schnell und gleichzeitig ein extrem langsam funktionierendes Business. Man stresst sich zu Tode, bis eine Kollektion endlich steht – und ist danach finanziell ruiniert. Dann kann es gut sein, dass der Buyer sagt: «Gefällt mir ganz gut, wir schauen nächstes Jahr noch einmal vorbei.»

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Version Blick.ch

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