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«Meine Familie schüttelt den Kopf über mich»

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 30. Oktober 2016 at 10:17

bild_bon_joviEr gehört zu den zehn erfolgreichsten Sängern der Welt. Jon Bon Jovi (54) über Donald Trump, die zerrissenen Jeans seiner Tochter und das neue Album seiner Band.

Mister Bon Jovi, weshalb färben Sie Ihre Haare nicht mehr?

Jon Bon Jovi: Ich fühle mich wohl so – und muss nicht mehr vorgeben, jemand zu sein, der ich nicht bin.

Es ist also keine Rache? Immerhin wurden Sie jahrelang auf Ihre Rolle des langmähnigen Sexsymbols reduziert.

Nein, das wäre gar weit gegriffen. Ich habe schon mit 25 Jahren etwas gesagt, woran ich mich bis heute halte: dass ich keiner dieser Altrocker werden will, die mit 50 T-Shirts mit vulgären Sprüchen tragen und sich die Fingernägel schwarz lackieren. Das mit der Frisur gehört mit dazu.

Auch auf dem neuen Bon-Jovi-Album «This House Is Not For Sale» zeigen Sie sich gereift: manchmal melancholisch, dann sogar wütend.

Es ist tatsächlich ein emotionales Album. Die letzten Jahre gingen nicht spurlos an mir vorbei. Ich musste unter anderem einsehen, dass sich das Musikgeschäft krass verändert hat.

Sie spielen auf Ihre Plattenfirma an, mit der Sie nach 32-jähriger Zusammenarbeit einen neuen Vertrag aushandeln mussten. Sie hätten sich fast von ihr getrennt. Ist jetzt alles wieder gut?

Ich schmollte und trotzte, bis ich bekam, was ich wollte. Aber die Zeiten, in denen grosse Bands mehrere Millionen Exemplare eines einzigen Albums verkaufen, sind auch für Bon Jovi vorbei.

Weshalb?

Schuld daran ist die Erfindung des iPods. Am Tag, als dieses Wunderwerk herauskam, habe auch ich gestaunt. Wow! Plötzlich konnte ich meine gesamte Musiksammlung in der Hosentasche herumtragen. Aber es war auch der Tag, an dem das Album auseinandergebrochen wurde. Man konnte erstmals jeden Song einzeln kaufen. In meinen Augen der Anfang vom Ende.

Nun ja, es gibt immer noch jede Menge neue Bands, die erfolgreich sind.

Aber das Märchen vom jungen Typen mit Gitarre ist gelaufen. Heute zieht keiner mehr los und verkauft mit seiner Band über 130 Millionen Tonträger, so wie wir es taten. Heute hängen bei den Plattenfirmen keine goldenen Schallplatten mehr an den Wänden, sondern Tafeln, auf denen steht, wie viele Male ein Song oder ein Video gestreamt oder angeschaut wurde.

Was bedeutet das für Ihre Band?

Wir kommen aus einer anderen Welt und haben das Glück, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Zu den Konzerten unserer Welttournee vor drei Jahren kamen über zwei Millionen Fans. Aber es geht für mich nicht nur um Zahlen, sondern auch darum, dass ich mir treu bleibe. Mit dem neuen Album ist das gelungen.

Es ist das erste Album ohne den Gitarristen Richie Sambora, er hat die Band während der Tour nach drei Jahrzehnten verlassen. Vermissen Sie ihn?

Irgendwie schon. Aber das Leben muss weitergehen. Mehr möchte ich dazu nicht mehr sagen.

Der Song «Living With The Ghost» könnte auf die Trennung von Sambora anspielen. Darin singen Sie von sich selbst als einem Mann, der sich mit Weihwasser waschen musste, um einen Geist loszuwerden. Das klingt wahnsinnig dramatisch.

Danke.

Kann es sein, dass es nicht allzu leicht ist, mit Ihrem Tempo mitzuhalten? Sie sind ja nicht nur Musiker, sondern engagieren sich auch im Charity-Bereich und in der Politik, verwalten Immobilien.

Absolut! Aber ich habe mich gebessert, bin nicht mehr der Workaholic, der ich in jungen Jahren einmal war. Damals lebte ich aus dem Koffer, habe mich und die Bandgnadenlos gepusht. Ich war überzeugt, dass es das braucht, um den Erfolg beizubehalten. Dass ich mir immer Exzellenz abverlangte, war auf Dauer nicht nur für mich ermüdend, sondern auch für all jene um mich herum, die nicht denselben Drive hatten.

Was machen Sie, um abzuschalten?

Ich habe mit Yoga und Pilates begonnen. Den grössten Teil des Sommers verbrachte ich am Strand von East Hampton, wo ich ein Haus besitze. Das Album war fertig, und ich wollte einfach mal wieder das Leben geniessen, zusammen mit meiner Frau und den Kindern. Es war wunderschön.

Sie haben eine Tochter und drei Söhne. Hören die Ihre Musik?

Sie kennen meine Songs. Ich finde es amüsant, wie Jake, mein 14-Jähriger, langsam begreift, was sein Vater beruflich macht. Vor kurzem lief einer meiner alten Filme im Fernsehen. Ich rief ihn zu mir und sagte: «Schau mal kurz mit!» Er: «Heilige Scheisse, bist du das?» Ich so: «Yeah.» Natürlich sah ich damals anders aus. Dass meine Familie über mich den Kopf schüttelt, bin ich gewohnt.

Welcher 1980er-Look war der peinlichste? Damals, als es mit Bon Jovi losging?

Die ganze Dekade war peinlich. Ich lache, wenn ich heute Kids in zerrissenen Jeans herumrennen sehe, für die sie Hunderte Dollars zahlen. Meine Tochter zum Beispiel, sie ist 23. «Lass mich in Ruhe», sagt sie, wenn ich sie aufziehe, «du hattest das früher ja auch an.» Aber ich habe meine Jeans nicht schon zerschlissen gekauft. Mittlerweile ist es mir wichtig, Kleider ohne Löcher zu tragen. Ich weiss heute die Qualität eines Prada-Shirts zu schätzen.

Sprechen wir über ein ernsteres Thema: Vor ein paar Wochen gingen an der US-Ostküste drei Bomben hoch. Eine davon in Ihrem geliebten Heimatstaat New Jersey, unweit eines Ihrer Wohnsitze.

Zum Zeitpunkt der Anschläge hielt ich mich in meinem Haus in Manhattan auf. Es befindet sich an der 25. Strasse. An der 23. und 27. ging je eine Bombe hoch – also nur zwei Blocks von mir entfernt. Ich sass auf der Couch und sah mir im Fernsehen das Football-Spiel meines Sohnes an. Er spielt in einer Uni-Mannschaft. Plötzlich hörte ich diesen Knall – ich dachte zuerst, es sei ein Donner. Dann kam eine Push-Nachricht mit der Warnung, sich vom Fenster fernzuhalten und nicht nach draussen zu gehen.

Wie fühlten Sie sich in diesem Moment?

Wütend und verwundbar. Mein jüngster Sohn war gerade an einem Geburtstagsfest, und meine Frau befand sich auf dem Heimweg. Dass sie den Bombenleger innerhalb von 36 Stunden gefunden haben, beruhigte mich dann etwas. Ich habe mich für die Polizei und den Gouverneur gefreut. Es war nicht das erste Mal, dass in meinem Umfeld schlimme Dinge passierten. 9/11, Sandy – ich habe alles hautnah miterlebt.

Sie unterstützen Hillary Clinton in ihrer Präsidentschaftskampagne. Warum?

Sie ist die beste Kandidatin, ganz einfach. Clinton war First Lady und Senatorin des Bundesstaats New York – eine Mikro-Variante unseres Landes mit ländlichen Gebieten, Bauern und einer der grössten Städte der Welt. Als Aussenministerin ist sie um die Welt gereist und hat das Chaos aufgeräumt, das George W. Bush hinterlassen hat. Ihr beruflicher Werdegang spricht Bände.

Haben Sie Angst, dass Trump gewinnt?

Sagen wir es so: Nichts ist sicher.

Wie würden Sie auf seinen Sieg reagieren?

Er wäre das Ergebnis einer falsch informierten Wählerschaft, die einer halbgaren Theorie aufgesessen ist – ich wäre am Boden zerstört, und ich will hoffen, dass Liebe über Hass siegt. Leider hoffen viele Leute, dass Jesus sie erlöst. Oder sie wollen eine Art politischen Rockstar, den sie anbeten können.

Wie Donald Trump?

Trump ist ein Reality-Star, das ist etwas anderes.

Sie selber sind Rockstar. Gehen Sie doch in die Politik!

Nein, danke. Ein sehr undankbarer Job, voll von Schönrederei und übertrieben freundlichem Händeschütteln. Ich bin auch nicht genug weise für so was. Wenn ich an Bill Clinton denke – unglaublich, welches Wissen der Mann besitzt. Dasselbe gilt für seine Frau, und auch seine Tochter kann zu jedem Thema eine Unterhaltung führen. Was weiss ich denn schon vom Strassenverkehr oder von zwischenstaatlichen Beziehungen zu Litauen? Nichts!

Sie könnten sich beraten lassen.

Nein, nein. Mit Wohltätigkeitsprojekten kann ich mehr bewirken.

Sie haben in New Jersey zwei Non-Profit-Restaurants eröffnet. In den «Soul Kitchens» können Bedürftige in der Küche helfen und bekommen dafür ein Essen für bis zu vier Personen. Verbringen Sie viel Zeit dort?

Ja, schon. Das ist nötig, wenn man es richtig machen will. Das Verhältnis zwischen zahlenden und nicht zahlenden Gästen ist ausgeglichen. Natürlich lege ich immer noch drauf, aber im Grossen und Ganzen funktioniert das Konzept. Wir servieren 55 000 Mahlzeiten pro Jahr. Das sind rund 150 Mahlzeiten pro Tag, verteilt auf 33 Sitzplätze. In ein paar Tagen feiern wir unser zehntes Jubiläum mit einer kleinen Benefizparty.

Sie besitzen schätzungsweise 300 Millionen Franken, gehören zu den erfolgreichsten Sängern der Welt. Gab es schon einmal etwas, was Sie sich nicht kaufen konnten?

Vor ein paar Jahren wollte ich unbedingt das American-Football-Team Buffalo Bills erstehen, damit es in New York bleibt. Dass jemand anderer den Zuschlag bekam, hat mir arg zugesetzt. Es mag von aussen betrachtet wie eine Nebensächlichkeit wirken. Aber ich liebe diesen Sport und hatte viel Herzblut in die Verhandlungen gesteckt.

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Version Blick.ch

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