Journalist

«Wir alle wollen herausstechen»

In «Sonntagsblick Magazin», Gesellschaft on 2. Oktober 2016 at 11:16
bild_malkinNarzissmus gilt in der Öffentlichkeit als verrufene Charaktereigenschaft. Oft zu Unrecht, sagt US-Psychologe Craig Malkin (48), Autor des Buches «Der Narzissten-Test».

Craig Malkin, wie narzisstisch sind Sie?

Craig Malkin: Auf der Skala des Tests, den ich mit entwickelt habe, stehe ich in einem gesunden Bereich. Der Drang, sich als etwas Besonderes zu sehen, steckt in jedem von uns. Wir alle wollen herausstechen aus den sieben Milliarden auf der Erde.

Was ist daran gesund?

Es macht uns optimistischer und hilft uns, besser mit Versagen umzugehen. Gesunder Narzissmus heisst, dass man seine Ambitionen nicht über seine Beziehungen stellt. Auch nicht unter sie, wie ich das früher tat.

Was heisst das?

Ich mochte es nicht, mich als etwas Besonderes zu fühlen, und war mehr darum besorgt, dass es meiner Mutter gut ging.

In Ihrem Buch «Der Narzissten-Test» beschreiben Sie Ihre Mutter als extreme Narzisstin.

Aus meiner Kindheit habe ich sie als liebende, fürsorgliche Person in Erinnerung. Mit dem Alter bis zu ihrem Tod wurde sie jedoch immer kritischer mir gegenüber, machte mich runter und hinterfragte alles, was ich tat.

Woran lag das?

Meine Mutter wurde als Kind missbraucht. Dadurch verlor sie das Vertrauen, sich auf andere Menschen verlassen zu können. Wie alle extremen Narzissten fürchtete sie sich vor Emotionen und Abhängigkeiten, die in Beziehungen entstehen. Das Gefühl, dass Menschen für einen da sein können, kannte sie nicht. Sie setzte einzig und allein darauf, sich durch ihr Aussehen und ihren Charme als etwas Spezielles zu fühlen. Je weniger ihr das gelang, desto unerträglich wurde sie.

Wann merkten Sie das?

Als mein Vater starb und sie Unmengen an Geld zu verschleudern begann. Ich half ihr, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, sie zog sich als Erstes Designer-Heels an, stolzierte herum und sagte: «So, jetzt fühle ich mich wieder wohl.» Es war ihre Art, sich nicht traurig und einsam zu fühlen.

Das klingt menschlich.

Natürlich! Nur, dass meine Mutter süchtig geworden war nach dem Gefühl, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Erst dann beginnt Narzissmus ungesund zu werden. Meine Mutter war wie ein Alkoholiker, der alles macht für einen Drink.

Als ausgeprägteste Form von Narzissmus gilt die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Menschen, die an ihr leiden, manipulieren andere gnadenlos für ihre Bedürfnisse. Sie glauben, dass ihnen die Welt etwas schuldig ist und sich vor ihnen verneigen muss. Gleichzeitig kennen sie keinerlei Empathie und sind so besessen von ihren eigenen Bedürfnissen, dass sie taub und blind werden dafür, was andere Menschen fühlen. Schlimmstenfalls gehen sie über Leichen.

Unter diesem Aspekt ist verständlich, dass Narzissmus als etwas Schlechtes gilt.

Die extremen Fälle fallen am meisten auf. Aber auch schwächere Ausprägungen sorgen für Aufsehen. Öffentliche Personen wie Donald Trump zementieren das Stereotyp des lauten, angeberischen, extrovertierten Narzissten. Es gibt aber auch sehr ruhige Typen, die sich nichts aus Aussehen, Ruhm und Geld machen.

Wie tickt ein introvertierter Narzisst?

Er fühlt sich immer als die einzige falsch verstandene Person im Raum. Es gibt auch noch den sogenannten sozialen Narzissten. Er sagt Dinge wie: «Ich bin die hilfsbereiteste Person, die ich kenne.»

Liegt der schlechte Ruf von Narzissmus nicht auch daran, dass die selbstverliebte Eigendarstellung, die viele Internet-User pflegen, anderen auf den Wecker geht?

Social-Media-Kanäle sind mit ihrem riesigen Publikum ein Paradies für extrovertierte Narzissten. Denn schon in kleinen Gruppen, zum Beispiel im Arbeitsalltag, übernehmen sie sofort die Führung. Jeder mag sie in den ersten zwei, drei Sitzungen, danach verlieren sie oft schnell ihre Anziehungskraft.

Wie stark können Facebook und Co. ungesundes narzisstisches Verhalten fördern?

Wenn man in seinem sozialen Leben nur noch darauf setzt, möglichst viele Likes zu generieren, wirds problematisch. Denn auch bei diesem Gefühl der Bestätigung kann sich eine Sucht einstellen. Als Mensch, der in der Lage ist, nebenher auch noch echte Beziehungen zu pflegen, passiert das nicht.

In der Schweiz fällt in Zusammenhang mit Fällen, in denen Top-Manager nach einem Karriere-Knick Suizid begehen, oft das Wort Narzissmus. Welchen Zusammenhang gibt es?

Ich kenne diese Fälle nicht. Was ich aber weiss: Ungesund narzisstische Menschen begehen überdurchschnittlich oft Selbstmord oder denken daran, es zu tun.

Woher rührt dieser überdurchschnittliche Wert?

Sie bauen sich ein Image auf, ohne das sie sich nicht als liebenswert empfinden. Wenn es zusammenfällt, haben sie in ihren Augen manchmal nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.

Wie viel Narzissmus brauchen Menschen in Top-Führungspositionen?

Es ist von Vorteil, sich als etwas Besonderes zu fühlen, wenn man ein riesiges Unternehmen führt oder ein ganzes Land regiert. Es hilft einem, dem Druck standzuhalten. Wichtig ist, dass man sich nicht fertigmacht, wenn man etwas nicht so schafft, wie man es sich vorgestellt hat. Sondern seine Erwartungshaltung an sich selbst anpasst. Extreme Narzissten tun das nicht.

Weshalb haben die kein inneres Korrektiv?

Weil sie überzeugt sind, ihre Macht niemals zu verlieren – egal, welche Risiken sie eingehen oder was um sie herum geschieht. Im Finanzsektor oder anderen Branchen, die starken Schwankungen unterworfen sind, kann diese mangelnde Flexibilität verheerende Folgen haben. Deshalb scheitern viele extreme Narzissten – und reissen oft gleich noch eine ganze Firma mit in den Abgrund.

Der Mensch im Spiegel: Ist er etwas Besonderes oder nicht? Sicher ist: In jedem von uns steckt ein Narzisst.

Guter Berater: Dr. Craig Malkin (48)

Der Psychologe ist Experte für Narzissmus und trat im TV-Kanal von Moderatorin Oprah Winfrey (62) auf. Sein Buch «Der Narzissten-Test – Wie man übergrosse Egos erkennt und überraschend gute Dinge von ihnen lernt» erschien beim Dumont Verlag. Es beinhaltet einen Test, mit dem der Leser seinen Narzissmus auf einer Skala von eins (zu wenig) bis zehn (zu viel) einstufen kann. Malkin unterrichtet an der Harvard Medical School in Cambridge MA, und führt eine Praxis, in der er Einzelpersonen, Paare und Familien in Beziehungsfragen berät.

Ganzer Artikel mit Bildern

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: