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Zurück im Licht

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 18. September 2016 at 12:20

bild_iraSie galt als Soul-Hoffnung der Schweiz, doch psychische Probleme zwangenIra May zu einer Auszeit. Jetzt ist sie zurück mit ihrem zweiten Album.

Ihre Augen schimmern, als wäre ihr etwas Trauriges durch den Kopf gegangen. Ira May (28), die eigentlich Iris Bösiger heisst, sitzt im Garten ihres Lieblingscafés Cheesmeyer in Sissach BL. Sie bläst nachdenklich den Rauch ihrer Zigarette in die Luft und erinnert sich an die Zeit, als sie plötzlich im Rampenlicht stand, die Hitparade stürmte und als Amy Winehouse der Schweiz gefeiert wurde.

«Das ist zwei Jahre her. Ich hatte keine Ahnung vom Musikgeschäft», sagt sie, «alles ging sehr schnell.» Einem Redaktor von DRS 3 war auf einem Gemeinschafts-Album der Basler Hip-Hop-Szene ihre Stimme aufgefallen: rau, voller Volumen und Herzschmerz. Er brachte sie auf Sendung.

Mays erstes Album «The Spell» stieg direkt auf Platz eins der Schweizer Charts ein. Das war vor ihr erst einem Popmusiker der Nordwestschweiz gelungen: Baschi, mit dem sie früher im Schulchor von Gelterkinden BL sang.

«Plötzlich war ich erfolgreich, und jeder wollte ein Stück vom Kuchen», sagt May. «Ich war überfordert und leicht zu beeinflussen.» Heute stelle sie «auf Durchzug», wenn ihr jemand ungefragt sage, was das Beste für die Karriere sei, erzählt sie und lässt das R in typisch Baselbieter Manier rollen.

Über den Umgang mit Besserwissern singt May in «Blue Elephants», einem der besten Songs auf ihrem neuen, zweiten Albums. «Eye Of The Beholder» ist ein Retro-Soul-Meisterwerk, das mit intimen Texten überrascht, geschrieben von May selbst. Eine dieser Zeilen heisst übersetzt: «Ich war in der dunkelsten Zelle gefangen ohne Chancen, den Schmerzen zu entfliehen.»

Der Hintergrund: Ira May beginnt Anfang zwanzig unter Panikattacken zu leiden. Am Anfang war es nicht besonders schlimm. «Ich hatte das Gefühl, die Krankheit im Griff zu haben.» Doch nach dem Durchbruch, vor der ersten Tour, merkt sie, dass die Angst wächst. Vor dem, was bevorsteht. «Ich hatte so etwas ja noch nie gemacht.»

Ohne Vorbereitungszeit steht sie jede Woche mindestens einmal auf der Bühne. Es folgt die Festival-Saison und mit ihr nochmals zwanzig Konzerte. May hat keine Pause mehr, hört nur noch: «Jetzt musst du hierhin, jetzt musst du dorthin.» Sie wird von etwas mitgerissen, worauf sie keinen Einfluss mehr hat. «Ich verlor den Boden unter den Füssen, befürchtete, auf der Bühne tot umzufallen. Mein Herz raste, mein vegetatives Nervensystem spielte verrückt.»

Dann erleidet ihr Vater auch noch einen Schlaganfall und übersteht diesen zum Glück, weil seine Tochter zufällig zu Besuch kommt. «Danach lag ich nur noch im Bett, konnte nicht mehr aufstehen, musste Medikamente nehmen, damit ich nur schon schlafen und essen konnte. So im Café zu sitzen, wie wir das jetzt tun – vor zwei Jahren wäre das unmöglich gewesen.»

Schwer vorstellbar, wie schlecht es ihr ging, wenn May vor einem sitzt, mit ihrem entspannten Boho-Stil, den baumelnden Hippie-Ohrringen. Eine lebensfrohe, junge Frau. «Mir geht es wieder gut», sagt sie und nippt an ihrem Chai Latte. Dank intensiver Therapie, Yoga und Meditation habe sie ihre Panikattacken in den Griff bekommen. «Die Medikamente habe ich abgesetzt.» May ist jetzt bei einem Major-Label unter Vertrag, ihre Termine sind so gelegt, dass ihr genug Zeit zum Durchatmen bleibt.

Songs, für die gelitten wurde, sind die besten

Nähert sich trotzdem die Angst, weiss sie genau, was zu tun ist. Dann geht sie alleine in den Park vor ihrer Haustür und nimmt sich eine Auszeit. «Ein wenig Bäume umarmen», sagt May, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Ohne das Leiden banalisieren zu wollen: Ist Schmerz nicht stückweise das, was eine Soul-Sängerin ausmacht? Mays Stimme ist nicht perfekt, mit ihren Songs erfindet sie die Welt nicht neu. Trotzdem versprühen sie eine Magie, man möchte wissen, wer sich hier die Seele aus dem Leib singt.

Auf «Magnet», einem mit Hip-Hop-Beats unterlegten neuen Song, klingt die Baselbieterin ein wenig wie Mary J. Blige (45). Die amerikanische Sängerin hat wie May im Dunstkreis der Rap-Musik ihre Karriere lanciert. Vor über zehn Jahren verkündete Blige im Song «No More Drama», sie wolle dem Drama den Rücken kehren.

Doch noch immer dreht sich bei ihr alles um die zerrüttete Kindheit, ihre damit verbundenen Depressionen. Eine glückliche Mary J. Blige würde wohl auch kaum jemand hören wollen. Und ohne die Gabe, Trauer und Melancholie zu Musik zu machen, wäre selbst Amy Winehouse (1983–2011), einer der grössten Soulstars der vergangenen Jahrzehnte, nur eine gute Sängerin gewesen.

Panikattacken wünsche sie niemandem, sagt May. Rückblickend sei es aber nicht nur schlecht, so etwas zu überwinden. «Ich bin jetzt viel mehr bei mir selbst, kenne meine Grenzen.» Und ja, es sei schon auffällig, wie viele Musiker Ähnliches durchlebt hätten. David Bowie (1947–2016) litt angeblich unter Panikattacken, und auch Adele (28) gab zu, dass sie einmal aus Angst vor einem Auftritt über eine Feuerleiter zu fliehen versuchte. May: «Vielleicht sind Kreative ein bisschen masochistisch veranlagt – und machen das, wovor sie eigentlich am meisten Angst haben.»

Dass sie so offen über das Thema reden kann, nehme viel Druck von ihr weg, sagt May. Viele andere Künstler zögen sich immer mehr zurück – oder hörten ganz auf. Auch sie habe in Betracht gezogen, den Wunsch zu beerdigen, den sie seit ihrem fünften Lebensjahr hat, als ihre Mutter erstmals eine Platte von Maria Callas auflegte: den Wunsch, als Sängerin erfolgreich zu sein. «Ich habe mich fürs Weitermachen entschieden.»

«Eye Of The Beholder» (Universal) ab 23. September. Infos zur Tour: ira-may.com.

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