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Im Stil der Stars

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 4. September 2016 at 14:35
bild_trendforschau_fw1617Die Trends in der Frauenmode setzen zunehmend Popstars und Social-Media-Promis. Das sind die Looks für Herbst und Winter.

Rihanna betritt die Bühne in schwarzem Lackleder. Ihre Tour, die jüngst auch in Zürich haltmachte, heisst «Anti». Ein Motto, das die 28-Jährige auch in der Wahl ihrer Outfits umsetzt. Sie zeigen jenen Hauch New Wave, der viele aktuelle Herbst- und Winterkollektionen durchweht.

Vergangenen Sonntag tritt die Sängerin an den MTV Video Music Awards komplett in Rosa und Pink auf. Sie präsentiert damit die Trendfarben der Saison. Als Stilikone des Popgeschäfts darf sie die neuen Kreationen der Modehäuser schon tragen, bevor sie in die Läden kommen.

An Stars wie Rihanna sieht alles unglaublich cool aus, authentisch oder «street», wie englischsprachige Jugendliche es nennen. All die Looks werden im Internet heiss diskutiert und analysiert – sie prägen das Modeverständnis der Menschen längst stärker als jede Modeschau, als jede Modestrecke der Fachmagazine.

Ein Konzept, das sich in Zeiten von Social Media immer mehr durchsetzt. Entsprechend hartnäckig werden die Stars von den Labels umschwärmt. Sie sollen helfen, dass wir uns in den Wirren der Trends zurechtfinden. Und uns dazu anhalten – verdammt nochmal! –, endlich eines der Myriaden Produkte zu kaufen.

«Was kratzt mich Rihanna?», werden Sie vielleicht sagen. Wir können versichern: Auch Ihr Idol zappelt schon längst im Netz eines Labels – und prägt Ihr Modeverständnis, ohne dass Sie es merken.

Celebritys für alle Altersklassen und jeden Geschmack

Das Phänomen zeigte sich unlängst auch am Laufsteg von Louis Vuitton in Paris. Dort versammelten sich Promis aller Genres und Klassen. Und bildeten damit einen Querschnitt aller relevanten Altersgruppen und Märkte des Luxuslabels ab. Die Französin Catherine Deneuve (72) war da, die Filmdiva Bae Doona (36) aus Südkorea auch und mit ihr der Teeniestar Selena Gomez (24). Mittendrin: Designer Nicolas Ghesquière.

Dass Gomez, die US-Sängerin mit mexikanischen Wurzeln, zur Fashion-Show anreiste, zahlt sich für Louis Vuitton am meisten aus. Denn die Ex von Justin Bieber (22) ist die erklärte Königin von Instagram: Auf der Social-Media-Plattform folgen ihr über 96 Millionen Menschen. Postet sie einen Schnappschuss aus ihrem Leben, schauen sich diesen – auch auf Plattformen wie Facebook oder Twitter – rund 200 Millionen Menschen an. Ein Foto, das die Coca-Cola-Botschafterin mit einem Fläschchen ihres Lieblingsgetränks zeigt, wurde rund vier Millionen Mal geliked. Es ist das beliebteste Online-Pic überhaupt. Gemäss Insidern kann Gomez mittlerweile eine halbe Million Dollar verlangen, wenn sie ein Produkt auf einem ihrer Bilder präsentiert.

Natürlich trägt sie auf dem Gruppenbild von Louis Vuitton nur Teile aus der neusten Kollektion. Das Unternehmen wird sich die Partnerschaft einiges kosten lassen. Auch wenn die eher billige Popmusik von Gomez nicht zum Image der Luxusmarke passt.

Stil ist sekundär, Bekanntheit ist alles

«Würden wir nur höchst geschmackvolle Menschen auf unserem Cover zeigen, wäre unser Magazin ziemlich langweilig», sagte einst Anna Wintour (66). Die Chefin der US-«Vogue» hat früh begriffen, dass Popularität oft lukrativer ist als Stil. Auch wenn Modekenner über manche ihrer Entscheidungen die Nase rümpfen: etwa, dass sie 2014 Reality-Star Kim Kardashian (35) mit ihrem Rapper-Mann Kanye West (39) als Hochzeitspaar auf der Titelseite zeigte.

Dass Kardashians Halbschwester Kendall Jenner (20) auf der aktuellen Septemberausgabe der «Vogue» thront, der wichtigsten des ganzen Jahres, scheint niemanden mehr zu stören. Sie habe so viel dafür getan, als Model ernst genommen zu werden, sagt sie im Porträt. Die Tochter von Caitlyn Jenner (66, ehemals Bruce) wuchs praktisch vor Video-Kameras auf. Sie war elf, als ihre wohlhabende Familie damit begann, den Alltag zur Fernsehshow zu machen. Und damit auch das Leben von Kendall.

Vor zwei Jahren gelang der jungen Frau der Sprung auf den Laufsteg, sie zog von zu Hause aus. Inzwischen ist sie eines der meistgebuchten Catwalk- und Kampagnenmodels und als Wachsmodell seit kurzem im Londoner Madame Tussauds zu bestaunen.

Eine eigentliche Sensation: Jenner modelt trotz TV-Sternchen-Image längst nicht nur für Mainstream-Marken, sondern auch für richtig teure Brands: für Chanel, Fendi, Balmain, Versace, Miu Miu, Bottega Veneta. Kaum ein Luxushaus, das nicht auf ihre Strahlkraft setzt.

Designer Riccardo Tisci (42) von Givenchy behauptet, er habe Jenner (60 Millionen Instagram-Follower) nur wegen ihrer Qualitäten als Model engagiert – ohne zu wissen, dass sie zum Kardashian-Clan gehört. Das klingt sehr schön. Allerdings wird er die Cinderella-Story des etwas schüchternen Mädchens gekannt haben, das sich von seiner grell-lauten Familie emanzipiert und in die Welt der High Fashion eingelassen wird, und wollte davon profitieren.

Denn mit solch modernen Märchen lässt sich Mode heute verkaufen. Kendall kann zwar nicht singen, und ihre Schauspielqualitäten sind bescheiden. Sie ist nicht einmal unfassbar hübsch. Ihr Puppengesicht und ihre unschlagbare Geschichte machen sie aber zur perfekten Projektionsfläche für all jene, die sich keine 6,5 Millionen Dollar teure Villa im kalifornischen Beverly Hills leisten können. Aber vielleicht das günstigste, kleinste Täschchen von Chanel, für das ihr Idol die Fahnen hochhält.

Der Modezirkus wird zur Reality-Show

Im Werben um ein It-Girl, das heisseste «Insta-Girl» oder den Star der Stunde läuft das Modebusiness gerade Gefahr, selbst zur Reality-Show zu verkommen. Der Laufsteg, noch heute Geburtsort der meisten Trends, wird so zum Nebenschauplatz degradiert. Eigentlich schade, denn viele Kollektionen des nahen Herbstes und Winters sind aufregend und zugänglich zugleich. Ohne dass sie von Promis vorgeführt werden.

Wir lassen Expertinnen und Experten die wichtigsten Trends erklären. Zum Beispiel den Umgang mit Materialien wie Samt oder den Look der neuen Daunenjacke, die in Mantellänge als luxuriöse Outdoor-Version in die Läden kommt. Lackleder und Pink mögen die Experten auch. Aber nicht, weil Rihanna es im Rampenlicht trägt!

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Version Blick.ch

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