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Affengeiler Superheld

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 24. Juli 2016 at 10:50
bild_tarzanIn «The Legend of Tarzan» bekommt eine historische Filmfigur einen neuen Anstrich. Der Film ist ein erfrischend cooler Sommer-Blockbuster mit Bildungsanspruch.

Er trägt keinen Lendenschurz aus Leopardenfell. Im neuen Tarzan-Film steckt der Held, gespielt vom Schweden Alexander Skarsgard (39, «True Blood»), in modisch zeitlosen Dreiviertelhosen. Auch der oft veräppelteTarzan-Schrei erklingt nur einmal, dafür unheimlich, aus den dunkelgrünen Tiefen des nebelverhangenen Urwalds.

In «The Legend of Tarzan» (ab Donnerstag im Kino) bringt der britische Regisseur David Yates (52), verantwortlich für die letzten vier «Harry Potter»-Filme, eine heiss geliebte, aber auch gnadenlos überholte Literatur- und Filmfigur zurück auf die Leinwand.

Welches Kind, das sich die Schwarz-Weiss-Filme aus den 1930er-Jahren mit dem ehemaligen Profi-Schwimmer Johnny Weissmuller (1904–1984) als Tarzan anschaut, wünscht sich nicht, so mutig zu sein wie er, so frei und nahe bei den Tieren. Welcher Erwachsene erschaudert nicht gleichzeitig, ob der klischierten Darstellung des edelmütigen Weissen, der mit Hilfe animalischer Instinkte und menschlicher Klugheit den Eingeborenen beim Schlichten ihrer Streitigkeiten hilft.

Der amerikanische Schriftsteller Edgar Rice Burroughs (1875 – 1950) hat den Urwaldfreund als Hauptfigur eines rassistisch durchdrängten Schundromans 1912 ins Leben gerufen. Tarzan war für die letzten Jahre des Kolonialzeitalters so etwas wie James Bond für den Kalten Krieg: ein Held der Zivilisation, der dem Rest der Welt zeigt, wo es langgeht. Doch das ist lange her.

Deshalb ist die aktuelle Filmversion des Dschungelhelden auch ganz anders: weniger perfekt, ab und zu sogar verunsichert. Er lässt sich beraten, liegt seiner Frau zu Füssen und setzt Gewalt nur dann ein, wenn es nicht anders geht. Bloss die Muskelberge sind so, wie man es von einem Actionhelden erwartet. Alles in allem ist dieses Umstyling so subtil gemacht, dass sich Zuschauer, die nicht mit der Tarzan-Story aufgewachsen sind, vielleicht sogar fragen: Basiert diese Figur auf jemandem, den es einmal gab?

Natürlich nicht. Doch die Handlung von «The Legend of Tarzan» ist historisch eingebettet: Sie spielt im 19. Jahrhundert, als der belgische König Leopold II. den rohstoffreichen Kongo ausbeutete, die Menschen versklavte und fast die Hälfte der rund 20 Millionen Einwohner töten liess. Und das interessiert das Publikum: Die 180 Millionen Dollar teure Mega-Produktion hat in den USA sogar «Independence Day: Resurgence» überflügelt.

Sadistische Schurken, böse Kämpfer, machoide Gorillas

Im Film begibt sich der fiktive Lord Greystoke alias Tarzan von seinem Wohnort London in den von ihm heiss geliebten Kongo. Dort haben ihn Affen nach dem Tod seiner Eltern grossgezogen.

In Begleitung seiner Frau Jane (Margot Robbie, 26) und eines schiesswütigen Amerikaners (Samuel L. Jackson, 67) will er schlimmen Gerüchten aus dem Land seiner tierischen Pflegefamilie auf den Grund gehen. Und muss bald sein Leben gegen den sadistischen Helfershelfer des Königs (Christoph Waltz, 59), gegen rachedurstige Stammeskrieger und machoide Gorillas verteidigen. Ein Kampf, den er nur in der Gestalt seines animalischen Alter-Egos gewinnen kann.

Ein Abenteuerfilm mit einem politischen Kontext zu machen – das habe ihn von Anfang an gereizt, sagt Regisseur Yates in einem Interview. Inspiration fürs Skript war der Bestseller «King Leopold’s Ghost» von Adam Hochschild – unter dem Titel: «Schatten über dem Kongo» auch im deutschen Sprachraum eines der meistgelesenen Geschichtsbücher der 1990er-Jahre.

Hochschild behandelt ein äusserst brutales Kapitel des Kolonialismus mit langer Nachwirkung: Noch heute ist der jahrelang ausgebeutete Kongo eines der ärmsten Länder der Welt.

«Natürlich hoffe ich, dass Leute, die mit afrikanischer Geschichte nicht so vertraut sind, durch den Film etwas lernen», sagt Filmregisseur Yates. «In erster Linie will ich aber unterhalten.»

Und das gelingt. «The Legend of Tarzan» ist so dynamisch wie die Fortbewegungsart des Helden, der sich im Urwald an Lianen durch die Lüfte schwingt. Die Kampfszenen sind choreografiert wie ein Ballett, die Zeitlupeneinstellungen, in denen sich kreideweiss bemalte Afrikaner aus dem Hinterhalt auf ihren Feind stürzen, möchte man sich am liebsten gleich mehrfach ansehen.

Der Film trumpft mit einer hochstilisierten Comic-Ästhetik auf und einem graugrünen Farbfilter, der den Zuschauer sofort in die feuchten Tiefen des kongolesischen Regenwalds entführt. Drehort waren die Hallen einer alten Rolls-Royce-Fabrik bei London, die einen moosbewachsenen Urwald samt Wasserfall beherbergten und einen 30 Meter langen Pier, der auf Knopfdruck zusammenfällt.

So viele echte Kulissen und Requisiten wie möglich einzusetzen, ist ein Dogma, das sich bereits bei den Studio-Aufnahmen von Peter Jacksons «Herr der Ringe»-Trilogie auszahlte. Da stört es auch nicht weiter, dass Yates bei seinem 3D-Spektakel die Tierwelt am Computer generieren lässt.

Wie schafft man es nun aber, einen Filmstoff, der mit Rassismusund Sexismus-Vorwürfen kämpfte, fürs moderne Kino zu adaptieren? In «The Legend of Tarzan» stellt man der Hauptfigur einen afroamerikanischen Freiheitskämpfer und eine starke Frau zu Seite. Eine einfache Lösung, die nicht zuletzt dank Samuel L. Jackson («Inglourious Basterds») und Margot Robbie («The Wolf of Wall Street») aufgeht. Der Routinier und die Newcomerin geben in ihren Rollen alles.

Der Film hat aber auch unbehagliche Momente – etwa, wenn ein ganzer schwarzer Stamm dem blonden Traumpaar zujubelt, weil es ihn gerettet hat.

«Old Hollywood»-Story minus Rassismus

Die Filmkritikerin der «New York Times» schreibt, es habe etwas Rührendes, wie der Film versuche, ein altes Hollywood-Abenteuer ohne den damit einhergehenden Rassismus abzuliefern. Und der Kritiker des britischen «Guardian» ist der Meinung, die einzige Möglichkeit, einenTarzan-Film im Jahr 2016 zu realisieren, wäre eine total neue Story gewesen.

Es sind empfindliche Reaktionen aus Ländern, die beim geschichtlichen Hintergrund des Films eine Rolle spielen. In der Schweiz, ein Land ohne Kolonialvergangenheit, darf man «The Legend of Tarzan» zum Glück weniger vorbelastet anschauen.

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