Journalist

Hippie aus den Hamptons

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 17. April 2016 at 12:37

bild_hartmanAus reinem Zufall verschlägt es Sara Hartman von den USA nach Berlin. Kaum ein Jahr später gilt die Sängerin als Neuentdeckung und vielversprechende Stimme des Folk-Pop.

Ein entspannter Abend in den Hamptons, dem Naherholungsgebiet der New Yorker High Society. Sara Hartman, damals zarte 19 Jahre alt, steht mit ihrer Gitarre um den Hals in der Ecke eines schicken Strandrestaurants und singt, wie immer, ihre Cover-Songs: «The Dock of the Bay», «Stand by Me» und wie sie alle heissen. Die Gäste sitzen vor Tellern mit Gänseleber, Champagnergläser klimpern.

Was niemand merkt: Ab und zu schmuggelt die Musikantin mit dem süssen Lockenkopf ein selbst komponiertes Stück unter die alten Hits. Nur ein Gast aus der Musikbranche spitzt die Ohren. Als Hartman nach dem Dessert ihre Siebensachen zusammenpackt, tritt er auf sie zu und sagt: «Es gibt da einen Produzenten in Berlin, für den wären deine Sachen perfekt.» Ein paar Wochen später sitzt Sara Hartman mit One-Way-Ticket in einem Flugzeug Richtung Deutschland.

Es sind diese Cinderella-Storys, mit denen man heute Platten verkauft. Rihanna hat es vorgemacht: Das Karibik-Girl aus zerrütteten Verhältnissen wird wie zufällig in ein Meeting von Rapper Jay Z gespült. Oder Adele: Ein übergewichtiges Mädchen steigt aus der britischen Arbeiterklasse empor und verzaubert seither die Welt. SaraHartman in eine Reihe mit diesen Weltstars zu stellen, wäre voreilig. Das Talent für eine grosse Popkarriere bringt sie aber mit. Deshalb schickt ihre Plattenfirma Universal die mittlerweile 20-jährige Amerikanerin als Nachwuchshoffnung ins Rennen. Kommende Woche erscheint ein erster Ausblick auf das Album: eine sogenannte EP mit vier Songs, inklusive der Debütsingle «Monster Lead Me Home». Nutzer der Streaming-Plattform Spotify haben sich den Song bereits mehr als zehn Millionen Mal angehört.

Am 24. Mai ist Hartman Gast im Zürcher Konzertlokal Exil. Eine gute Gelegenheit für alle, die vor ein paar Wochen ihren gefeierten Auftritt im Vorprogramm von Ellie Goulding verpasst haben. Anfang Jahr stand Hartman mit der britischen Popprinzessin schon einmal auf einer Schweizer Bühne, im Zürcher Hallenstadion.

«Meine Songs sind Hymnen an mein Leben», sagt Sara Hartman im Interview. Ihr Sound ist liebevoll gemachter Folk-Pop, den man beim Aufstehen hören möchte, zur sonntäglichen Spritzfahrt, und dann noch einmal vor dem Zubettgehen.

Eine Mischung aus Janis Joplin und Amy Macdonald

«Are we a star or are we a satellite?», fragt Hartman in ihrem Song «Satellite». Er beginnt mit einer kindlichen Pfeifmelodie, begleitet von einem verstaubt klingenden Klavier und einer quietschenden Akustikgitarre. Dann stampft das Schlagzeug los wie eine gut gelaunte Marschkapelle. Über allem liegt Hartmans tiefe, sanfte Stimme mit einem Timbre, angesiedelt irgendwo zwischen Janis Joplin und Amy Macdonald.

«Satellite» sei ein Lovesong, sagt Hartman. «Jemand fragt sich: Ist unsere Liebe echt oder sieht sie nur echt aus?» Was aber hat das mit ihrem Leben zu tun? «Im übertragenen Sinne fühlt es sich für mich manchmal unecht an, dass ich plötzlich für Tausende Menschen Musik mache. Wie in einem Traum. Ich werfe mich der Welt hin und hoffe, dass sie mich auffängt.»

Tiefsinnige Phrasen wie diese passen zum Umfeld, aus dem Hartman stammt. «Ich streite nicht ab, dass bei mir zu Hause ein gewisser Hippie-Vibe herrschte.»

Denn was viele nicht wüssten: In den noblen Hamptons, einer der äusseren Regionen Long Islands, lebten auch ganz normale Menschen der Mittelschicht. Hartman: «Sie arbeiten in den Restaurants und ermöglichen den Schönen und Reichen ihren Luxus.»

Ihr Vater baut Swimmingpools für Stars wie Sarah Jessica Parker («Sex and the City»), ihre Mutter ist bildende Künstlerin. «Sie hat meinen Bruder und mich immer dazu ermuntert, aus Dingen, die wir draussen in der Natur fanden, etwas Kreatives herzustellen», sagt die Musikerin. «Meine Jugend fand weit weg von ‹Gossip Girl› statt.» Gemeint ist eine Serie über «rich kids» aus Manhattan, die unter anderem in den Hamptons spielt.

Nach ihrem elften Geburtstag schenkten «Mom» und «Dad» der Tochter ein Schlagzeug. «Was sie sofort bereuten.» Hartman musste auf weniger laute Instrumente umsteigen. Ihre Begeisterung für Musik war aber nicht mehr zu stoppen. Sie lernte Gitarre, Bass, Piano und schrieb erste eigene Stücke. Mit 15 begann sie, in Restaurants Hits nachzuspielen. «Dabei lernte ich, was es für einen guten Song braucht.»

Berlin, die Stadt der grossen Freiheit

An einem Wintertag vor etwas mehr als einem Jahr landet Hartman schliesslich in Berlin. Das erste Mal, dass sie die USA verlässt. «Es war unheimlich, aufregend und vor allem sehr, sehr kalt. Ich konnte meinen Atem in der Luft sehen!» Anfangs wohnt sie im Viertel Prenzlauer Berg – dort, wo all die hippen Jungfamilien leben. «Kinder spielten mir Klingelstreiche.» Inzwischen ist sie nach Friedrichshain umgezogen. «Eine etwas erwachsenere Gegend.»

Berlin sei genau so, wie sie es sich in den USA vorgestellt habe: ungeschliffen, wild und wahnsinnig cool. «Auch wenn mich manchmal das Heimweh plagt, liebe ich diese Stadt» – ganz so wie viele andere Amerikaner, die mit grossen Augen in die «Arm, aber sexy»-Metropole kommen, um dort neue Freiheiten zu geniessen. «Ich kann nicht fassen, dass man hier auf der Strasse Alkohol trinken darf», sagt Hartman.

Im Sommer liege sie mit ihren neu gewonnen Musikerfreunden in einem Park im Gras, trinke Bier und geniesse die Sonne. Auch das wieder eine hippieske Szene. «Feels like home», sagt sie und lacht.

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