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Heimatklänge

In «Sonntagsblick Magazin», Gesellschaft on 3. April 2016 at 09:33
bild_traufferVolkstümliche Mundart-Musik erobert die Schweizer Hitparade. Stars wie der Berner Sänger Trauffer treffen den Nerv der Zeit und den Geschmack des Publikums.

Eine Sennengestalt betritt die dunkle Konzertbühne. Unter lautem Gebimmel schleppt sie zwei Kuhglocken vorbei an der Berg-Requisite. Von dieser sind aber nur die Umrisse zu erkennen. Die Szene könnte aus einem alpinen Gruselfilm stammen.

Das aufgekratzte Publikum in der ausverkauften Kupferschmiede in Langnau im Emmental BE staunt und macht einen Moment lang keinen Mucks. Dann geht das Licht an, und Marc Trauffer (36) tritt ins Scheinwerferlicht. Er trägt ein zu einem Frack abgewandeltes Trachtenoberteil: einen Berner Mutz, der mit Edelweissmotiven bestickt ist. Die Show kann beginnen.

Trauffer, so der Künstlername des Berner Oberländers aus Brienz, ist das grösste Schweizer Pop-Phänomen der vergangenen fünfzehn Jahre. Und die Galionsfigur einer neuen Art von volkstümlicher Mundartmusik. Diese verbreitet erfolgreich Heile-Welt-Gefühle, ohne in den Ultra-Kitsch des Schlagers abzurutschen.

Zu den Künstlern, die mit ihr Erfolge feiern, gehören auch Shootingstars wie Marco Kunz (30) aus Luzern (siehe Interview Seite 8). Und andere stehen erst in den Startlöchern: zum Beispiel Trauffers ehemaliger Akkordeon-Spieler Adamo Häller (33), der regelmässig bei der volkstümlichen Schlagergruppe ChueLee aushilft, und ein neues Album am Start hat. Dieses klingt noch rockiger als jenes seines Ex-Chefs.

Trauffers unverblümt heimatbezogener Stil polarisiert. Kritiker können partout nicht richtig nachvollziehen, weshalb der selbst ernannte «Alpentainer» (Alpen und Entertainer) dermassen erfolgreich ist. Sieben Wochen stand sein Album «Heiterefahne» auf Platz eins der Charts und verdrängte dort Weltstars wie Adele, Rihanna oder Coldplay. Auf der Rangliste der erfolgreichsten Schweizer Alben der Geschichte steht es auf Platz drei nach Züri Wests «Züri West» (1994) und Göläs «Uf u dervo» (1998).

Freude und Heimweh: Die zwei wichtigsten Gefühle

Auf der Bühne stimmt Trauffer jetzt einen Song an, seine Background-Sängerin schwingt im Hintergrund eine Fahne mit seinem Konterfei. «Wo sind mini Zwätschgelisis?», ruft er ins Publikum. Die Frauen kreischen, ein paar angeheiterte Jungs in hochgekrempelten Edelweisshemden johlen.

Trauffer singt, tänzelt in Wanderschuhen übers Parkett und wirft sich mit einem altmodischen, zum Mikrophon umfunktionierten Bergsteiger-Stock, in Rockstar-Pose. Jeder Ton sitzt, der Sound klingt saftig – eine sechsköpfige Rockband steht auf der Bühne, darunter Volksmusikpersönlichkeiten wie Akkordeonspieler Julian von Flüe (20) oder Prix-Walo-Gewinnerin Monika Schär (39), «eine der besten Sängerinnen der Schweiz», so Trauffer.

In der Musik des Berners fliessen Elemente der Volksmusik, des Rocks und Pops perfekt ineinander.

So orgelt das Schwyzerörgeli munter zum aggressiven E-Bass, und das hart getrommelte Schlagzeug macht selbst Schunkelsongs für jedermann erträglich.

Wirklich neu daran ist: Dieser Mix wird nicht nur musikalisch in aller Konsequenz durchgezogen, sondern auch inhaltlich. Trauffers Songs heissen «Sennesinger» oder «Zieh zu mir uf z’Land» und spielen in einer hoch stilisierten Bergwelt, an der man sich erfreuen oder die man sich aus der Ferne herbeisehnt. Die Videoclips erinnern an alte Heimatfilme. Dabei besingt der Musiker auch mal einen missglückter Anmachversuch an einer Skibar – mehr weltliche Themen gibts bei ihm aber nicht.

Deshalb lässt sich sein Sound auch nur bedingt mit Projekten anderer Stars vergleichen, die vorübergehend mit der Volksmusik flirteten. Der Zürcher Rapper Bligg (39) etwa setzte 2008 in seinem Crossover-Klassiker «Musigg i de Schwiiz» auf Kontraste, lässt darin Hackbrett auf Hip-Hop prallen. Sein Hit «Rosalie» handelt von einem Rosenverkäufer, einem Secondo, der seine Ware an einsame Frauen in düsteren Bars verkauft – trotz Handorgelklängen keine rurale Szene.

Oder Florian Ast, der in den 1990er-Jahren mit seinem Album «Florenstein» den Folklore-Pop etablierte. Auf dessen Cover ist eine Kuh mit verbundenen Augen zu sehen. Mit Songs wie dem anrüchigen «Daneli» (vom Trueb) verweist der heute 40-jährige Solothurner immer wieder auf die leicht grotesken Schattseiten der Bergwelt und ihrer Bewohner.

Warum treffen also Leute wie Trauffer mit ihren unkritischen Songs den Nerv der Zeit? Trauffer erklärt den Erfolg im Backstagesig bereich im Emmental wie folgt: «Wir befinden uns in einer weltweiten Identitätskrise. Die Welt beginnt überall gleich auszusehen. Deshalb fragen sich viele Menschen vermehrt, wo ihre Wurzeln liegen.» Trauffer erzählt von einem Weekendtrip nach Barcelona, Spanien, wo er überall nur H&M-, McDonald’s- und Starbucks-Filialen gesehen habe.

Mit der gleichen These erklären auch Soziologen die sogenannte Swissnesswelle. Als Reaktion auf die Globalisierung gewinnt das Ursprüngliche an Wert. Das gilt auch im Sport, wo mittlerweile Schwinger für erotische Fotoshootings posieren wie einst Fussballstars. Oder in der Gastronomie, wo Designhotels in Zermatt auf Alpenchic und Zürcher Szenebeizen auf Fondue setzen. Oder im Kino, wo neue Filme wie «Heidi» und «Schellen-Ursli» die Massen begeistern.

Gegen Mundart-Texte ist Rihanna chancenlos

In diesen Trend passt jemand wie Trauffer perfekt. Er selbst bezeichnet sich als «weltoffenes Landei». Hauptberuflich ist er Unternehmer und führt einen erfolgreichen Brienzer Familienbetrieb, der seit 1938 Spielzeugkühe aus Holz produziert. Schon als kleiner Bub spielte er Schwyzerörgeli – lange bevor er mit seiner ehemaligen Band Airbag begann, Jodel mit Rock zu mischen. «Ich komme aus der Volksmusik», sagt Trauffer, «bei mir ist nichts aufgesetzt.»

Viele der rund 600 Konzertbesucher in der Kupferschmiede kommen aus den umliegenden Dörfern und haben damit einen ähnlichen Hintergrund. Sie wohnen, wie sie erzählen, am Waldrand, halten Hühner, arbeiten als selbständige Coiffeure, als Pflegefachfrauen, als Logistiker. Manche sagen, dass der Vater im Jodelklub singe und dass die Musik von Trauffer sie an etwas erinnert, was sie von Klein auf kennen. Die wenigsten machen sich grosse Gedanken zu ihren musikalischen Vorlieben. Auf die Frage, was ihnen an dieser Art Sound gefalle, antworten die meisten: «Ich verstehe die Texte.»

Genau darin liegt auch das Problem jener Leute, die mit Trauffers Musik nichts anfangen können: Sie überinterpretieren seine Musik und Textzeilen. Dabei will die neue Mundartmusik genau das nicht sein: kopflastig. «Ich bin kein Künstler, ich bin Entertainer», sagt Trauffer. Und fügt an: Schon der grosse Kurt Felix habe gesagt, man sollte die leichte Unterhaltung nie unterschätzen.

Ein Künstler sei jemand, der sich mit seiner Gitarre in seinem Elend vergrabe und etwas möglichst Kompliziertes abliefern wolle: «Ich hingegen möchte einfach, dass die Leute ein gutes Gefühl haben, wenn sie meine Musik hören. Und nach meinen Konzerten zufrieden nach Hause gehen.»

Schnupf-Sprüche, Medleys, entfesselte Grossmütter

Und das machen sie auch nach seiner Show in Langnau, nach zweieinhalb Stunden Spielzeit, einem kurzweiligen Spektakel. Zuvor lässt Trauffer die Taler schwingen. Er gönnt sich mit der vordersten Reihe eine Prise Schnupftabak, holt «Mättu» aus Eggiwil BE auf die Bühne und studiert mit ihm eine kleine Choreografie ein. Oder er fordert den Saal zum Mithüpfen auf, was selbst 70-jährige Grossmütter entfesselt, die sich kurz zuvor noch unsicher an einem Sperrgitter festhielten.

Klar, kommt Bierzelt-Stimmung auf – nicht umsonst wird Trauffer oft mit dem Österreicher Andreas Gabalier (31) verglichen, mit dem er demnächst als «Special Guest» für ein paar Konzerte auf Schweizer Bühnen steht. Die Musik des «Volks-Rock ’n’ Rollers» oder «Mountain Mans», wie sich der Grossverdiener aus Graz nennt, ist aber weit schlagerlastiger, seine Shows mehr halligalli.

Trauffer schafft es, auf der Bühne nicht in diese Abgründe zu fallen. Er hält das Niveau, spielt ein Medley aus den grössten Schweizer Mundart-Hits oder singt Balladen an einem Klavier, das hinter gestapelten Holzscheiten verborgen steht und sich im richtigen Moment auf einer Plattform ins Blickfeld der Fans dreht.

Immer wieder schäkert er mit dem Publikum, geht spontan auf Zurufe ein. Und zum Schluss des Konzerts ist es so sicher wie das Muh im Kuhstall: So gut wie an diesem Abend wurde Langnau lange nicht mehr unterhalten.

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