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Die neue Lockerheit

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 7. Februar 2016 at 17:27

bild_frauen_ss15Designer wollen Frauen von allen stilistischen Zwängen befreien: Mode-Frühling und -Sommer laden ein in eine mädchenhafte Märchenwelt.

Die Weihnachtsbeleuchtung brennt noch immer, aus Lautsprechern schallt George Michaels «Last Christmas». Auf der Luxusmeile von Mailand ist an diesem kalten Januartag Anfang Jahr nichts zu spüren von der stotternden Weltwirtschaft und von der Situation der Flüchtlinge, die jeden Tag, nur wenige Kilometer entfernt, frierend den Bahnhof erreichen.

Im Gegenteil: In den Schaufenstern sind bereits die neuen Frühlings- und Sommerkollektionen ausgestellt. Italienerinnen in Daunenjacken tragen ihre Einkäufe von einer Espresso-Bar zur anderen, nervöse asiatische Reisegruppen hetzen zur nächsten Modeboutique.

Zum Beispiel zu Gucci. Im Flagship Store des altehrwürdigen italienischen Modehauses an der Mailänder Via Monte Napoleone hängt die neue Kollektion von Chef-designer Alessandro Michele (43) – die meistbeachtete der bevorstehenden Saison.

Es sind Kleider, die an Trouvaillen aus dem Brockenhaus erinnern, an die Kitschfigur Sarah Kay, an schüchterne Schülerinnen aus den 1970er-Jahren, die nicht wissen, wie gut sie trotz Hornbrille und Zahnspange aussehen. Sie tragen Rüschen, Schleifen oder glänzende Anzüge mit witzig bedruckten Clown-Krawatten – und stehen für einen mädchenhaften Stil, den zahlreiche Modehäuser für wärmere Tage vorschlagen.

Glitzerfummel, Krönchen im Haar, Trainingsanzüge

Bei Saint Laurent steht die junge Openair-Besucherin im Zentrum, die in Glitzerfummel und Gummistiefeln durch den Matsch stapft und sich zum Spass ein Diadem ins Haar steckt. Business-Mode und Minimalismus interessieren sie nicht.

Überhaupt steht Arbeit in der Fantasie der Modeschöpfer gerade ziemlich weit hinter Freizeit. Über das Tragen von bequemer Sportkleidung im Alltag – den sogenannten «Athleisure»-Stil – haben die Modejournalisten bereits viel geschrieben. Und auch kommende Saison setzt sich der Siegeszug des Trainingsanzugs als Fashion-Statement fort. Chloé bringt eine Retro-Version in die Läden, wie sie ältere Semester früher im Turnunterricht trugen – und Skater-Girls Mitte der 1990er-Jahre schon einmal für sich wiederentdeckten. Andere Brands wollen es ihren Kundinnen noch bequemer machen und setzen auf Négligés, Spitzenwäsche und Schlafbekleidung, die sich auf der Strasse tragen lassen.

«Ich habe mir überlegt: Wenn man ein Jahr reisen würde – was müsste man mitnehmen?», sagt Phoebe Philo (42), Chefdesignerin von Céline. Die sündhaft schönen Trägerkleidchen des umschwärmten Pariser Labels sind wie geschaffen für Backpackerinnen (mit reichen Eltern), die damit tagsüber die Altstadt erkunden und abends im Kajütenbett der Jugendherberge schlummern.

Auch reifere Frauen profitieren von jugendlicher Revolution

Was hat das mit der Welt zu tun, in der sich ein Grossteil der Frauen bewegt? Nur sehr wenig. Die Modedesigner machen gerade, was sie am besten können: In eine Märchenwelt einladen.

Davon dürften aber auch Frauen profitieren, die das Teenager-Alter längst hinter sich haben, Kinder erziehen oder im Berufsleben stehen. Denn so ausgefallen die Looks der kommenden Frühlings- und Sommerkollektionen wirken mögen, sie senden auch eine klare Botschaft: Nehmts locker und lasst euch in nichts hineinzwängen!

Ein übergrosses Männerhemd als Kleid zur Arbeit tragen – warum nicht? Nur noch in flachen Schuhen ausgehen – kein Problem. Die Skinny-Jeans weicht weiten Hosen, an der Hüfte zusammengezurrt wie ein Kartoffelsack. Und wer gar keine Beine zeigen will, zeigt diesen Sommer Schultern. Eincremen nicht vergessen!

Die Chefkritikerin von «vogue.com», Sarah Mower, sieht die neue Lockerheit als trotzige Gegenreaktion der Designer auf die Forderung ihrer Arbeitgeber, in immer kürzeren Abständen immer mehr Kollektionen auf den Markt zu werfen. «Eine Veränderung des Moderegimes ist längst fällig», sagt sie. «Es braucht eine Abkehr von den eintönigen Looks endlos kopierter Cocktailkleider – entworfen für eine erdachte Party, zu der niemand gehen will.»

Alessandro Michele von Gucci, der erst seit einem Jahr als Chefdesigner im Amt ist, sagt Dinge wie: «Um in der Mode etwas Neues beginnen zu können, muss man sich ein gutes Stück Verrücktheit bewahren – und eine Revolution starten.» Das klingt unglaublich gut – nur dass keine crazy gekleideten Fashionistas über ein Modelabel entscheiden, sondern Geschäftsleute in ziemlich langweiligen Anzügen.

Ob sich Micheles «Revolution» bei Gucci zu Geld machen lässt, zeigt sich Mitte Februar, wenn der Mutterkonzern Kering seine Zahlen kommuniziert. Auch wenn Online-Shops bereits von guten Verkaufszahlen sprechen, ist Skepsis angebracht. Massentaugliche Mode sah bisher anders aus.

Michele muss bangen. Denn eine Anstellung als Chefdesigner ist in etwa so sicher wie ein Kellnerjob in einer Beach-Bar während eines verregneten Sommers.

Gerade erschütterte Raf Simons’ (48) Abgang bei Dior die Modewelt. Er habe keine Zeit mehr gehabt nachzudenken, sagt der Belgier. Für das französische Haus musste er von 2012 bis 2015 jährlich sechs Kollektionen entwerfen.

Auch der New Yorker Alexander Wang (32) hört nach nur drei Jahren bei Balenciaga auf – in beidseitigem Einverständnis mit der Geschäftsleitung. Obwohl es für ihn gar nicht schlecht lief. Aber in der modernen Modewelt, in der es in erster Linie darum geht, im Gespräch zu bleiben, muss immer wieder etwas Brandneues her.

Modemagazine, Social-Media-Kanäle – alle wollen mit dem neusten Hype gefüttert werden. Langjährige Partnerschaften wie die zwischen Lanvin und Alber Elbaz (54), dem die Traditionsfirma nach 14 Jahren überraschend gekündigt hat, wird es in der Mode immer seltener geben.

Kinder staunen, wenn sie ihre Eltern im Fotoalbum sehen

Gleichzeitig verliert die Mode an Zugkraft. Sprich: Die Zeiten, als alle Bevölkerungsschichten sich ihrem Diktat beugten, sind vorbei. An den Millionen von Trends, die es heute gibt, bedienen sich eigentlich nur Modebegeisterte. Der Durchschnitt setzt lieber auf Altbewährtes, Praktisches, Klassisches.

Vor allem in der Schweiz. Viele Vierzigjährige staunen, wenn sie ihre Eltern im Fotoalbum aus den 1970er-Jahren in Schlaghosen und knallengen Kunstfaserhemden sehen und diese sagen: «Das war damals Mode, alle haben das getragen.» Ein Einfluss, von dem Designer heute nur noch träumen können. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Alessandro Michele, den man in Anspielung auf seine langen Haare als Messias der Mode feiert, mit seiner Kollektion für Gucci gerade die Seventies zitiert.

«Musik hören, Spass haben» ist sein Motto für einen langen Arbeitstag im Atelier. Eines, das auch gut zum kommenden Mode-Frühling und -Sommer passt. Die neue Saison verspricht so verspielt zu werden wie ein Kindergeburtstag. Erwachsene können dort Spass haben – auch wenn sie nicht richtig dazugehören.

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