Journalist

Auf den Spuren von 007

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 25. Oktober 2015 at 16:02
bild_bond_reiserepoPer Paddelboot zum geheimen Eingang von MI6 oder im Speedboat über die Themse brettern: London bietet zahllose Adrenalinkicks für James-Bond-Fans.

Dunkle Wolken ziehen über die Skyline. Wie schmutzige Zuckerwatte schieben sie sich minütlich vor die Sonne, damit das Klischee auch wirklich bestätigt wird: willkommen in London, der Hauptstadt des schlechten Wetters. Hier wohnt die Queen, hier ist die Heimatstadt von Geheimagent 007. Das offizielle Fremdenverkehrsamt Grossbritanniens will an diesem Tag diverse Bond-Schauplätze in den Fokus des Interesses rücken. Touristen können diese das ganze Jahr über einzeln oder als Pakete buchen.

Zum Beispiel eine Busfahrt zu den Drehorten des neuen Films «Spectre». Unser Reiseführer ist ein älterer Herr. Er erinnert an einen leicht verrückten Professor und möchte Stewart genannt werden. Bereits in Jugendjahren habe er mit Freunden einen «James Bond Bachelors Club» gegründet, sagt Stewart. Den Mitgliedern sei es vor allem darum gegangen, Frauen mit Filmwissen zu beeindrucken. Er weiss auch fast alles über sein Idol. Auf seinen Manschettenknöpfen steht: «I’d rather beJames Bond.» Ich wäre lieber James Bond.

Bloss nicht in das stinkende Kanalwasser fallen

Also ab zu 007. Als Erstes geht es zum geheimen Wassereingang von MI6, dem britischen Auslandsgeheimdienst und Hauptsitz von BondsArbeitgeber. Zur Erinnerung: Ein Cyberterrorist, gespielt von Javier Bardem (46), hat in «Skyfall» das an der Themse gelegene Gebäude in die Luft gejagt. «Spectre» spielt folglich in den unterirdischen Stockwerken des Gebäudes, die intakt geblieben sind.

Stewart zeigt uns Aufnahmen der Dreharbeiten. Daniel Craig ist darauf zu sehen, wie er auf einem Schlauchboot in den Geheimtunnel gefahren wird. Zwei Set-Mitarbeiter generieren für 007 Wellen, indem sie zwei Gummiboote zum Schaukeln bringen.

Genauso unspektakulär der reale Schauplatz: Die Szene wurde nicht auf der Themse, sondern im Londoner Stadtbezirk Camden auf einem Kanal mit einem unschönen Namen gedreht: Dead Dogs Basin – das Becken der toten Hunde. Mit gemieteten Kajaks paddeln wir zur gezeigten Filmstelle. Uns treibt dabei vor allem ein Gedanke um: Bloss nicht in stinkendes Londoner Kanalwasser fallen!

Als Nächstes steht ein Besuch der Pinewood Studios ausserhalb Londons an, wo die Studioaufnahmen fast aller Bond-Filme gemacht werden, auch die von «Spectre». Dort steht ein Herrschaftshaus mit der Studiokantine im Garten. Der wurde 1963 für «From Russia with Love» zum Terroristen-Ausbildungscamp «Spectre Island» umdekoriert und musste auch schon für Szenen herhalten, die in Nordkorea oder Kasachstan spielen.

Im Studio sind Fotoaufnahmen strikte verboten. Hier wird gerade die nächste «Star Wars»-Folge abgedreht. Der Versuch, das Verbot zu ignorieren, scheitert, beschert uns aber den zweiten Bond’schen Adrenalin-Minikick der Tour.

Ein Höhepunkt in Sachen Spannung verspricht die Fahrt auf der Themse mit einem Speedboat. Leider nicht dieses schnittige Ding, das in der Verfolgungsjagd von «Spectre» zum Einsatz kommt. Auf uns wartet bloss ein signalrotes Schlauchboot. Der Auftakt des Abenteuers ist dann auch vor allem eines: laut. Das liegt an den Boxen, aus denen James-Bond-Songs dröhnen. Und am angetrunkenen Briten, der sich samt Familie kurzfristig der Gruppe angeschlossen hat.

Die Fahrt stockt, ein Veloschlauch hat sich im Motor verfangen. Schliesslich kann der Kapitän doch noch bis zur «High Speed Zone» an der Tower Bridge tuckern – und endlich Gas geben. Wir brettern mit über 55 km/h über das braune Wasser, vorbei an der Tate Modern, dem Shakespeare’s Globe und dem «Shard», einem der höchsten Gebäude Europas. So viele Sehenswürdigkeiten in so kurzer Zeit bekommt man in London sonst nicht zu sehen. In den Kurven stellt sich ein Gefühl des Gleitens ein, währendem einem kalter Sprühnebel ins Gesicht spritzt.

Nein, das ist kein Kinderkram mehr, sondern echte James-Bond-Action. Danach bräuchte man einen Martini. «Shaken, not stirred», versteht sich.

Mehr Infos: visitbritain.com, britmovietours.com, londonribvoyages.com

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