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In Bonds Bann

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur, Uncategorized on 25. Oktober 2015 at 14:00

bild_bond_lauftextKommende Woche muss Geheimagent James Bond wieder einmal die Welt vor dem Bösen retten. In «Spectre» wird 007 von neuem die Massen begeistern. Weshalb eigentlich?

Breitbeinig und grimmig schaut er vom Filmplakat. Wie ein Türsteher in einem Massanzug. In «Spectre» spielt Daniel Craig (47) bereits zum vierten Mal den coolsten aller Actionhelden: den Agenten 007, «Bond.James Bond». Zum zweiten Mal in Serie führt sein Landsmann Sam Mendes (50) Regie. «Spectre», der nächste Woche Schweizer Premiere feiert, wird wohl noch mehr Geld einspielen als sein Vorgänger. «Skyfall» aus dem Jahr 2012 ist mit Ticketeinnahmen von über einer Milliarde Dollar mit riesigem Abstand bereits der erfolgreichste Bond-Film aller Zeiten.

Bond. Das ist eine der grössten Kultfiguren der Filmgeschichte. Sie funktioniert seit 53 Jahren nach dem immer gleichen Prinzip und hat nichts an Faszination eingebüsst. In Bonds Welt geht es um Action, Autos und schöne Frauen wie Monica Bellucci (51) oder Lea Séydoux (30), die beide in «Spectre» mitspielen. Und um einen unsterblichen Helden, der an den exotischsten Orten der Welt das Böse in die Knie zwingt. Aktuelle Schauplätze sind Mexiko-Stadt, wo die gigantische Eröffnungsszene von «Spectre» mit 1500 Statisten spielt, Rom, die österreichischen Alpen, Marokko und – natürlich – Bonds Homebase, London. (Lesen Sie dazu unsere Reisereportage auf Seite 11).

Musikalisch unterlegt wird das Spektakel einmal mehr von dramatischen Bläser-Klängen und einem melancholischen Titelsong, zu dem fast jeder eine Meinung hat. «Writing’s on the Wall», der Bond-Song vom britischen Sänger Sam Smith, ist keine Granate wie Adeles «Skyfall». Der 23-Jährige klingt stellenweise wie eine strangulierte Maus. Man höre, dass Smith den Song, wie er selbst sagt, in nur zwanzig Minuten geschrieben habe, meint die britische Zeitung «The Guardian».

Macht aber nichts, denn Bonds Kosmos ist weit umfassender. Zu ihm gehören auch Luxusgadgets und gut getimte Produktplatzierungen, Hightechspielzeuge und all die mehr oder weniger liebenswerten Nebenfiguren. In «Spectre» wird Ben Whishaw (35) ein weiteres Mal die Hipster-Version des Geheimdiensttüftlers «Q» geben und Naomi Harris (39) die dunkelhäutige Miss Moneypenny. Auch Ralph Fiennes (52) darf als Geheimdienstchef «M» wieder Strenge zeigen.

Die unehelichen Bond-Kinder von Mürren

«Genau das ist das Tolle daran», sagt Markus Hartmann (47), Präsident des James Bond Clubs Schweiz. «Man weiss bis zu einem gewissen Grad immer, was einen in den Filmen erwartet.» Sein Fanclub zählt rund 230 Mitglieder im Alter von 14 bis 73 Jahren. Viele reisen den originalen Filmschauplätzen rund um die Welt nach. Hartmann ist sehr stolz, dass «Spectre» nach der Weltpremiere in London gleich in der Schweiz gezeigt wird, als zweites Land überhaupt. Das hat seinen guten Grund: Nirgendwo werden, gemessen an der Bevölkerungszahl, mehr Bond-Tickets verkauft.

Ausserdem war Bonds verstorbene Mutter eine Schweizerin aus der Waadt. Ian Fleming, der ebenfalls verstorbene Erfinder der Bond-Figur, hat es in seinen Romanen so festgehalten. Und immer wieder waren die Schweizer Alpen Kulisse der Heldentaten von 007. Wie in «On Her Majesty’s Secret Service» mit dem Australier George Lazenby, der 1969 nur ein einziges Mal als Bond zu sehen war. Der grösste kommerzielle Flop der Reihe bescherte Mürren BE einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Dank der Crew, die ein halbes Jahr im Dorf wohnte und – vor allem – feierte. Nach deren Abzug, so sagt die Alpenlegende, kamen zahlreiche uneheliche Kinder zur Welt. Deren Mütter tauften sie «zufälligerweise» auf britische Vornamen.

Pierce Brosnan: Eleganz und Humor ohne Schlaghosen

«Bond ist und bleibt ein Killer», sagt Fanclub-Präsident Hartmann. Hier komme Daniel Craig der Romanfigur näher als einst Sean Connery. Dennoch gilt der erste Bond für viele noch immer auch als bester.

Er selbst sei mit Roger Moore (88) aufgewachsen, sagt Hartmann. Der Schauspieler ist sein Lieblingsbond geblieben. Moore repräsentierte Anfang der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre die Figur mit Selbstironie und angelsächsischer Eleganz. Pierce Brosnan (62) – er kam nach eher unglücklichem Zwischenspiel von Timothy Dalton (71) zum Zug – versuchte es Moore gleichzutun. Ohne Schlaghosen. Und jetzt Daniel Craig. «Ich war anfänglich sehr skeptisch», sagt Hartmann. «Ein blonderBond – das geht doch nicht, dachte ich mir. Und der Schönste ist er auch nicht!» Inzwischen habe er sich von Craigs Schauspieltalent überzeugen lassen. Ausserdem: «Moores Humor hat zu seiner Zeit funktioniert, heute würde er es nicht mehr.»

So voraussehbar die Filmplots sind: Sie überzeugen vor allem auch deshalb, weil sie immer im richtigen Moment dem Zeitgeist und Weltgeschehen angepasst wurden. «Jeder Mann möchte James Bondsein, und jede Frau möchte James an ihrer Seite wissen», sagte einst Produzent Harry Saltzman (1915–1994), der zusammen mit Albert R. Broccoli (1909–1996) die ersten Bond-Filme schuf.

Das Zitat stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, als der Agent noch ein unverbesserlicher Macho war: ein Morgenmantel tragender Playboy, der selbst die abgebrühtesten Todesengel in fünf Sekunden ins Bett bekam. Das Skalpell, mit dem zum Beispiel Bond-Girl Helga Brandt (Karin Dor) 1967 Sean Connery in «You Only Live Twice» bedrohte, benutzte dieser kurzerhand, um ihr Kleid aufzuschlitzen.

Vom aufgeplusterten Playboy zum sensiblen Auftragskiller

«Das Frauen- und Männerbild hat sich in westlichen Gesellschaften seither zum Glück verändert», sagt der Filmwissenschaftler Peter Purtschert (57). «Die Geschlechter begegnen sich heute auf Augenhöhe.» In seinen Vorlesungen an der Zürcher Hochschule der Künste untersucht der Spezialist für Popkultur und Drehbücher unter anderem, wie Filme die Gesellschaft spiegeln. «Heute kann man dem weiblichen Publikum keine aufgeplusterten Playboys mehr zumuten», sagt er. Nicht nur deshalb habe sich Bond verändert. «Auch den Männern gefällt es, nicht mehr als antiquierte Hugh Hefners dargestellt zu werden.»

Craig, der mit seinem Auftritt in «Spectre» 60 Millionen Dollar verdienen soll, steht seit zehn Jahren im Geheimdienst Ihrer Majestät und gab der Rolle einen zeitgemässen Anstrich. Der Schauspieler zeigt immer wieder verletzliche Seiten des eiskalten Auftragskillers. «Ich trage keine Rüstung mehr. Du hast sie mir heruntergerissen», sagt er in «Casino Royale» (2006) zu seiner Angebeteten Vesper Lynd (Eva Green), als er erstmalsBond spielt. Wie sie hatte auch er im Leben Schicksalsschläge erlitten. Wie düster seine Kindheit in Schottland war, erahnen wir spätestens seit «Skyfall».

Jetzt holt die Vergangenheit Bond ein. Ausgangspunkt im neuen Film ist das «Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion», kurz Spectre. Eine kriminelle Organisation für unschöne Angelegenheiten wie Spionage, Terrorismus, Vergeltung und Erpressung. Sie taucht bereits 1962 im ersten Film «Dr. No» auf. Spectre-Boss istBonds Erzfeind Ernst Stavro Blofeld. Der Verwandlungskünstler trieb schon in sieben Bond-Filmen sein Unwesen. Oft in der Gestalt eines glatzköpfigen Katzenstreichlers.

Sex, Luxus und Alkohol lieben – und Heldentaten vollbringen

Ob Schurke Blofeld nächste Woche auf der Leinwand auftaucht, sei nicht verraten. Nur so viel: Neben einer weissen Katze wird dort ein weiteres hohes Tier der Spectre-Organisation erscheinen: Franz Oberhauser (Christoph Waltz, 59), der von einem Krater aus böse Pläne für die Welt schmiedet. Zu ihm hat Agent 007 eine weit zurückreichende Beziehung.

Warum aber bewundern so viele Menschen aller Altersgruppen ausgerechnet eine Figur, die einen mörderischen Beruf und weder Familie noch Freunde hat? «Weil Bond sehr menschliche Züge aufweist», sagt Filmwissenschaftler Purtschert. «Wie wir hat auch er Lust auf Sex, Luxus, Alkohol. Und muss wie viele von uns Verluste überwinden. Seine Verluste sind oft verflossene Liebschaften oder getötete Kollegen.»

Trotz allem vollbringe Bond durch eigene Anstrengung Heldentaten. «Jeder Mensch», sagt Peter Purtschert, «ob Frau oder Mann, träumt davon, mit unglaublicher Coolness etwas Entscheidendes im Leben zu leisten.»

«Ich bin nicht James Bond», stellte Daniel Craig jüngst in einem Interview mit dem Magazin «Esquire» klar – während er Bier trank und rauchte. «Ich bin nicht sonderlich mutig, nicht sonderlich gelassen. Ich fantasiere einfach wie alle, in bestimmten Situationen über mich hinauszuwachsen. Es gibt aber Momente, in denen mein Bond keine Ahnung hat, was er gerade tut.» Was den Helden in unseren Augen gleich noch ein Stück cooler macht.

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