Journalist

Ein Bussi aus Wien

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 4. Oktober 2015 at 12:13

bild_wandaWanda gehört zum Aufregendsten, was deutschsprachiger Pop zu bieten hat. Eine lebenslustige Depro-Band aus Wien, die gerade von Zürich bis Berlin Erfolge feiert.

Und plötzlich sprechen alle von Wanda. Vor einem Jahr schaffte es die Wiener Band mit ihrem Debütalbum «Amore» bis auf Platz 2 der österreichischen und Platz 29 der Schweizer Charts. Mit dem Song «Bologna» landeten sie einen Untergrund-Hit. «Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!», heisst es in der provokanten Hymne über unerfüllte Sex-Träume.

Wenn Frontmann Marco Michael Wanda (28) diese Zeilen ins Mikrofon röhrt, singen Tausende Fans lauthals mit – an Konzerten, die in Rekordzeit ausverkauft sind. Nicht nur in Wien, auch in Berlin und Zürich.Wanda hatten diesen Sommer am Openair St. Gallen einen gefeierten Auftritt. Zusammen mit der Band Bilderbuch werden sie bereits als Auslöser einer neuen Austropop-Welle bejubelt.

Jetzt sitzt Marco Michael Wanda, der eigentlich Michael Marco Fitzthum heisst, im Lokal Hafenkneipe in Zürich und gibt in Begleitung von Gitarrist Manuel Poppe (29) Interviews anlässlich der Veröffentlichung von «Bussi», dem zweiten Album der Band. Bei Bier und Zigaretten probiert er, den Erfolg zu erklären. «Ich bin ja nicht dabei, wenn sich jemand in unsere Musik verliebt», sagt der Absolvent eines Bachelorstudiums für Sprachkunst. «Aber scheinbar bringen wir ein Lebensgefühl auf den Punkt, das viele Menschen teilen.»

Eine Mischung aus Dolce Vita und Depression

Wanda feiern in den Songs die Entschleunigung, das Sich-Ausklinken aus Mainstream und Leistungsgesellschaft. Nicht umsonst haben sie sich nach einer legendären Figur des Wiener Untergrunds benannt: ZuhälterinWanda Kuchwalek, die sich in den 1970er-Jahren in den verruchten Kaffeehäusern und Beizen der Stadt durchschlug.

In einem Beisl, wie Beizen in Österreich genannt werden, freundeten sich auch die Bandmitglieder von Wanda an: «Indem wir Genussmittel konsumierten und uns die Wahrheit sagten.»

Marco Michael Wandas Texte triefen nur so vor Ironie. Er provoziert mit inzestuösen, sexuellen Anspielungen oder kokettiert mit Alkoholmissbrauch und Morbidität. «Es geht darum, dem Tod die Leichtigkeit des Lebens gegenüberzustellen», sagt Wanda. Ein Fan nannte es in einem Forum treffend «Dolce Vita mit Depression».

«Hin und wieder stehen wir uns nah wie die Flaschen von gestern», singtWanda in der neusten Single «Meine beiden Schwestern». Eine Art Punk-Song zum Mitschunkeln, hitverdächtig und eingängig wie alles aus Marco Michael Wandas Feder. Im Video zum zweideutigen «Bussi Baby» taucht er zwischen den überdimensionalen Schenkeln einer bekennenden Antifeministin ab, was zu einer medialen Kontroverse über Sexismus führte.

Ein Vergleich mit Falco kommt nicht besonders gut an

Wanda stellt sich ahnungslos und hustet einen verrauchten Lacher aus. In diesem Moment blitzt der Rock-Star auf, in den er sich auf der Bühne verwandelt. Und der sich in einer durchgeschwitzten Lederjacke ins Publikum wirft.

Er fügt an: «Alle Figuren, die in unseren Videos und Songs vorkommen, sind Projektionsflächen, in denen jeder sehen kann, was er will.» Deshalb liebe er auch die Band The Doors über alles. «Sie ordnet sich wie Wandadem Unterbewusstsein in all seinen Spielarten zu.» Dass man Wanda mit Falco vergleiche, sei schmeichelhaft, aber auch etwas fantasielos, sagt er. «Seine Musik basiert auf Soul, unsere auf Rock ’n’ Roll.»

Neues Album: «Bussi» (Universal) Wanda live in Zürich am 10. 12.15 im Dynamo (ausverkauft) und am 17. 2.16 im Volkshaus.

Ganzer Artikel mit Bildern

%d Bloggern gefällt das: