Journalist

Drück dich aus!

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 6. September 2015 at 08:06

bild_frauentrends_hw2015Der Modeherbst und -winter bringt für Frauen eine geballte Ladung Retro-Flair, Kleider für Möbel-Fans und Theologie-Studentinnen.

Express yourself, so heisst das Motto der kommenden Modesaison. Anna Wintour, Chefin der US-«Vogue», nennt es gar den «Siegeszug der Individualität». Klingt wie eine Fashion-Floskel, ist es aber nicht. Denn: Die Zeiten, als Designer mit ihren Kleidern Jahr für Jahr Frauentypen neu erfanden, sind vorbei. Heute machen sie Kleider für Frauen, die für sich definieren, wer sie sein wollen.

Grosse stilistische Strömungen, denen alle folgen, gibt es keine. Dennoch scheint sich bei den aktuellen Herbst- und Winterkollektionen aus dem Übermass an Micro-Trends, die vergangene Saisons prägten, so etwas wie ein Best-of herauszukristallisieren.

Zahlreiche Labels, darunter Dries Van Noten, bringen eine luxuriöse Version des Boho-Chic auf den Markt, der die Seventies (jüngst noch in all ihrer Hässlichkeit gefeiert) nur noch andeutet. Die Schlaghose (womöglich als Hochwasserversion) ist auch schon wieder passé und weicht einer sehr weiten Variante, mit der sich der Boden aufwischen lässt.

Auch bei der oft kopierten Mode der 1960er-Jahre scheinen sich die Designer seit neustem auf einen Look einigen zu können: den der Mods mit ihren kurzen, A-förmig geschnittenen Röcken. Am modernsten interpretiert von Labels wie Dior oder Carven.

Der neue Minimalismus, wie ihn Stella McCartney auf den Punkt bringt, schreit nicht mehr so stark nach Architekturstudium wie in früheren Jahren. Eher nach der Fachrichtung Theologie. Stichwort: Mode-Nonne.

Gut übrigens, dass sich niemand mehr ans Viktorianische Zeitalter erinnert. Das lässt den Designern freie Hand bei der Wiederbelebung dieser Epoche. Riccardo Tisci von Givenchy kombiniert deren Strenge mit dem harten Look weiblicher Latino-Gangs. Seine Models tragen Gesichtsschmuck, der von Ferne betrachtet aussieht wie ein Schnauz. Andere Designer verwenden Vorhang- und Polsterstoffe für ihre Entwürfe. Bei Gucci kann man das Brockenhaus förmlich riechen.

Was generell auffällt, ist die Absenz von nackter Haut. Auch dafür hat Anna Wintour eine These: «Vielleicht liegts daran, dass der Körper noch das Einzige ist, was wir heutzutage für uns behalten können.»

Alle Trends mit Bildern

%d Bloggern gefällt das: