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Reportage Tuning: Ganz schön schnell

In «Sonntagsblick Magazin», Gesellschaft on 2. August 2015 at 16:00
bild_tunerManche Menschen lieben ihre Autos fast grenzenlos: Tuner vergolden das Blech mit viel Leidenschaft und Geld – und mit Hunderten Arbeitsstunden. Was sie bewegt und antreibt.

Es ist laut, wenn Sandro Widmer mit seiner Clique durch Schaffhausen rollt. Er in seinem roten Japaner, dahinter seine Freundin Melanie in der grünen Supra, Marc in einem gelben Ferrari gefolgt von Christian und Mario in kompakten Rallye-Cars. Eine bunte Strassenparade, die röhrt und stottert. Niemand kann sie überhören und übersehen.

Tuning-Fans wie Sandro, die ihre Autos zu Unikaten aufmotzen, polarisieren. Entweder sieht man sie als «geile Sieche», um die Sprache jener Jugendlichen zu gebrauchen, die in Scharen zu den zahlreichen Tuning-Events strömen (siehe Kasten). Oder man betrachtet sie als Proleten, als Angeber mit schlechtem Geschmack, die unsere Umwelt verschmutzen. Als Raser, die viel zu schnell in viel zu potenten Autos fahren.

Von null auf hundert in 2,8 Sekunden

Sandro quietscht in die letzte Kurve, hinein in den Parkplatz vor dem Kino Kinepolis im Gewerbegebiet Schaffhausens. Dort trifft er sich regelmässig mit seiner Clique. Er wirkt unauffällig, wie er aus seinem Auto steigt, trägt von Kopf bis Fuss Schwarz und eine Schirmmütze, die er nach eigenen Angaben nur zum Schlafen ablegt. Einige seiner Kollegen stecken in Arbeiterhosen. Autohändler, Automechaniker, Lastwagenfahrer sind ihre Berufe. Freundin Melanie Bärtschi, die einzige Frau, arbeitet als Composite-Laminatorin bei Sauber. Sie stellt Karbonteile für die Formel 1 her.

«Melanie und ich haben uns kennengelernt, weil wir beide ein Herz für Supras haben», sagt Sandro. Dieses Toyota-Modell sei «eine Sie», betont Sandro, ein professioneller Tuner. Der 25-Jährige führt eine Garage in Beringen SH, er bietet unter dem Label Street-Performance. ch Tunings an. Er verändert Autos, um diese anders aussehen und klingen zu lassen: auffälliger, schöner. Zumindest in den Augen und Ohren des Besitzers. Oder, um die Modelle «sportlicher» fahren und beschleunigen zu können.

Sandros Supra, die in seiner privaten Garage steht, hat sagenhafte 1400 PS und beschleunigt von null auf hundert in 2,8 Sekunden. Mit ihr fährt er Viertelmeilen-Rennen, dabei geht es in erster Linie um Beschleunigung. Man glaubt ihm, wenn er sagt, im Strassenverkehr gemütlicher unterwegs zu sein. «Meine Freundin sagt regelmässig, ich fahre zu langsam.»

Zum heutigen Treffen ist Sandro aber mit seinem Mitsubishi Eclipse gekommen, dem ersten Auto, das er getunt hat. Damit gewann er 17-jährig die Tuning-Europameisterschaft in der Kategorie «Japanische Fahrzeuge». Einen Führerschein hatte er da noch nicht.

Show & Shine nennt man diesen Stil. Er zielt auf optische und technische Raffinessen: Flügeltüren, die sich nach oben öffnen, veredelte Innenräume, strassverzierte Lenkräder. Geschwindigkeit ist in diesem Fach sekundär – generell wird jegliche Aktion vermieden, die eines der teuren Teile beschädigen könnte. Bei Regen müssen Show & Shine-Fahrzeuge deshalb zu Hause bleiben.

Vorbild für Sandros Eclipse war der Wagen, den Schauspieler Paul Walker – er kam vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben – im ersten Teil der «Fast & Furious»-Filmreihe fuhr. Die Kinoserie hat Anfang der 2000er-Jahre den Tuning-Boom lanciert. Dieser hält bis heute an.

Alleine in der Schweiz werden gemäss Branchenverband ATVSL jährlich ca. 600 Millionen Franken mit speziellem Zubehör umgesetzt, mit Pneus, Felgen und anderem – Importe nicht mal eingerechnet. Etwa 40 Tuning-Clubs verteilen sich übers Land. Tuner geben durchschnittlich 50 000 bis 100 000 Franken für ihr Hobby aus. Dafür verzichten viele auf Ausgang oder rauchen nicht, sagt Melanie.

«Das Airbrush-Bild war ein Geburtstagsgeschenk meiner Eltern», sagt Sandro und zeigt auf die Seite des Eclipse. Dort ist ein Mann mit Kapuze zu sehen, der mit der Hand Blitze aussendet. Es sei der japanische Tod. «Er tötet mit der Fingerspitze.» Ein wichtiges Detail, über das sich die zweite Künstlerin hinwegsetzte, als sie das Innere des Wagens im gleichen Stil verzieren sollte. Sandro: «Für sie gabs den Tod nur mit Sense.» Nun sitzt dieser für immer im Cockpit.

Mehr Spielzeugauto als Fortbewegungsmittel

Man kann an einem Wagen nicht alles verändern, was man will. In Sandros Garage stehen ordnerweise Herstellergutachten in den Regalen: für jedes Motorenteil, jeden Auspuff und jede Karbon-Verschalung, die er jemals eingebaut hat. Alles muss von der Motorfahrzeugkontrolle abgesegnet sein. «Wenn du mit mit einem unangemeldeten Teil in eine Polizeikontrolle kommst, kannst du das Billett schnurstracks abgeben.»

Die Tuning-Kunst, die Sandro acht Jahre nach seinem ersten Triumph interessiert, hat längst nichts mehr mit Airbrush-Bildern und Bling-Bling zu tun. Ihn fasziniert mittlerweile die Motorenleistung weit mehr. «Das Fahrgefühl, das man in einem Rennauto hat.» Frisieren die meisten Tuner ihre Motoren nur elektronisch, greift er direkt in den Motor ein. So auch beim Supra von Melanie. «Das sind keine Autos, um von A nach B zu fahren», sagt sie. «Im Alltag fahre ich einen normalen Mercedes.»

Beim Tuning fliessen Tränen und Blut

Woher rührt sie nun aber, diese Leidenschaft für Blech auf vier Rädern? Die Begeisterung «fürs Schrauben», wie Sandro es nennt, hat bei ihm als 14-Jähriger begonnen mit seinem Töffli. In seinen ersten Roller baute er eine Musikanlage und einen Bildschirm ein.

«Mein Vater ist Wirtschaftsinformatiker – wenn er früher vor dem Computer sass und arbeitete, konnte ich als Kind nicht nachvollziehen, was er da genau machte», sagt der junge Mann. «Ich sah kein konkretes Ergebnis.» Deshalb fasziniert ihn die Fahrzeugtechnik dermassen: «Ich kann direkt Einfluss nehmen und etwas schaffen, was man sieht, fühlt und spürt.» In seiner Freizeit spielt Sandro American Football, und wie im Tuning braucht es auch für diesen Sport allerlei Zubehör.

Bei Melanie steht eine rote Corvette Stingray am Anfang der Leidenschaft. Sie sah sie als Kind auf der Strasse. Tuning ist in der Zwischenzeit auch ihr liebstes Hobby – neben Reiten. «Pferde haben im Fall bis zu neun PS», bekräftigt sie. Ihre Eltern können bis heute nicht verstehen, woher die Liebelei der Tochter stammt. Fahren sie zu ihren Verwandten nach Kroatien, in die Heimat der Mutter, läuft das ganze Dorf zusammen. Und staunt.

Drei Jahre und unzählige Arbeitsstunden hat es gedauert, bis die Supra Melanies Bedürfnissen zu entsprechen begann. Zwei Autos wurden dafür «geschlachtet», wie Sandro es nennt. Deren Innereien hat er in ein drittes eingebaut, den «Receiver». «Ein Auto ist nie fertig, man kann immer noch etwas machen», sagt er.

Melanie hatte Weinkrämpfe und Sandro blutige Hände. Er macht die meiste Arbeit. «Man stellt sich Sachen vor, die dann nicht gehen», sagt sie. Sandro: «Meine Freundin hat einen starken Willen.» Melanie: «Ich identifiziere mich mit meinem Auto. Das Gefühl, wenn ich in der Fahrerkabine sitze, die Sportgurte anschnalle und den Motor starte, ist unbeschreiblich.» Um ihren ökologischen Fussabdruck macht sich die 23-Jährige keine Sorgen: «Ich stehe nun einmal auf Motoren. Wer will denn schon ein Elektro-Auto fahren?»

Die beiden zeigen sich überzeugt: Für wahre Tüftler ist es einfach nicht lustig, ein fixfertiges Fahrzeug vor die Nase gesetzt zu bekommen. Im Berufsalltag werde man schon genug mit vollendeten Tatsachen konfrontiert. Nimm das, mach das. Ihr Auto sei ein kleiner Teil im Leben, den sie selber kontrollieren können. «Ich habe es ganz alleine in der Hand», sagt Melanie.

Auto-sexuelles Verhalten auf der Autobahn

«Neu hätte ich mir dieses Auto nicht leisten können oder auf sehr vieles verzichten müssen», sagt Kollege Marc (42), der ebenfalls in Schaffhausen auf dem Parkplatz steht. Mit seinem getunten Ferrari gilt er als Exote der Szene. «Die meisten tunen günstigere Autos», sagt er. Seines sei beim Kauf in einem guten Zustand gewesen, hätte aber nur einen Viertel des Neupreises gekostet.

Jetzt ist der Sportwagen tiefer gelegt, mit neuen Felgen, neuen Stossstangen, einem neuen Auspuff und mit Carbon-Abdeckungen versehen. Sie machen ihn leichter. Rund 50 000 Franken investierte Marc über die Jahre ins Material. «Vom Gefühl her» besitzt er jetzt einen neuen Ferrari. «Und er ist erst noch individuell. Mit diesem Auto fällst du auf», sagt Marc.

Auf der Autobahn winken andere Tuning-Fans ihn immer wieder raus auf die nächste Tankstelle. Sie wollen sein Auto genauer anschauen, und Marc macht mit. So viel Aufmerksamkeit bekommt er ohne Ferrari nie. Manchmal riskieren die Leute sogar Kopf und Kragen – und zücken in voller Fahrt ihre Handys, um Bilder von ihm zu schiessen. «Das Gute in solchen Situationen: Bei meinem Auto gibst du kurz Gas, und weg bist du.»

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