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Hans was Heidi

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 28. Juni 2015 at 08:37
bild_androgynIrritierend weibliche Mode für Männer erobert die Laufstege. Worum es beim Trend zum Androgynen geht, lässt sich nur vermuten.

Besucher der aktuellen Männermodewochen in London, Mailand und Paris dürften sich mitunter gefragt haben, ob sie die Einladungen richtig gelesen haben. Denn noch nie liefen so viele Frauen über die Catwalks der «Men’s Fashion Shows». Und Männer, die weiblich anmutende Mode (für den Sommer 2016) trugen: Transparenter Tüll und Spitze über behaarter Brust. Allerlei Schulterfreies, Wickelblusen, tiefe Ausschnitte, Schleifchen, Kleidchen.

Allen voran: Gucci. Das konservativ angehauchte Modehaus hat eine Kehrtwende vollzogen und setzt seit neustem voll und ganz auf den androgynen Style. Der Gucci-Mann, einst halb Macho, halb Gigolo, trägt nun die gleichen Kleider wie jene Frauen, die er derart begehrt.

«Le donne» wiederum tragen bübische Mützen und schmale Anzüge mit auffälligem Schmuck. «Männermodel präsentiert goldene Kreolen», jubelte die Modepresse am Gucci-Catwalk – bei einer Frau, die etwas burschikos daherkam.

Die Verwirrung um Mann und Frau ist gross. Sicher ist: Der neue Gucci-Designer Alessandro Michele muss in kürzester Zeit ein neues Image für sein Haus aufbauen – mit hohem Wiedererkennungseffekt. Aus dieser Perspektive schadet es nicht, unterscheiden sich seine Männer- und Frauenkollektionen nicht allzu stark.

«Ich stand noch nie auf Macho-Looks», sagt der britische Designer Jonathan Anderson (30). «Und ich hasse Männer in dreiteiligen Anzügen. Sie sehen unfrei aus, sozial verkrüppelt. Menswear muss gepusht werden.» Auch er sieht im Unisex-Look eine Lösung.

Interessant anzusehen, aber lieber du als ich

Zumindest die Frauenkollektionen, die das Wunderkind der Mode für sein Label J. W. Anderson und fürs spanische Traditionshaus Loewe entwirft, sind derzeit etwas vom Aufregendsten, was die Branche zu bieten hat: avantgardistisch und Jetset, retro und modern zugleich.

Ist Anderson nicht gerade auf dem roten Teppich unterwegs, sieht man ihn in Jeans, Pulli und Turnschuhen. Effeminierte Herrenkleider überlässt er lieber anderen. «Meine Männermode ist immer eine Fantasie von etwas, was nichts mit mir zu tun hat. Ich werde nie ein bauchfreies Trägershirt tragen. Aber mir gefällt der Gedanke, dass es jemand anderer tut.» Anderson dürfte nicht der einzige Mann sein, der so denkt.

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