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Vorbilder in Serie

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 28. Juni 2015 at 13:07
bild_aktexMit der Wiederaufnahme von «Akte X» geht die Kultserie der 1990er in die nächste Runde. Ohne das Ermittlerpaar Mulder und Scully wäre die Welt heute eine andere.

Sie sind älter geworden – oder reifer, wie man im Showgeschäft sagt: Fox Mulder und Dana Scully, das von David Duchovny (54) und Gillian Anderson (46) gespielte FBI-Ermittlerduo aus der US-Fernsehserie «Akte X». Es schlug sich in den 1990er-Jahren vor gebanntem TV-Publikum mit unerklärlichen Fällen und allerlei Ausserirdischem herum.

Mitte Juni gingen aktuelle Fotoaufnahmen von Mulder und Scully um die Welt, die sie am Set in Vancouver, Kanada, zeigen. Die Aufregung bei den Fans ist gross, denn 2002 lief die letzte der 202 «Akte X»-Folgen im Fernsehen und 2008 der letzte von zwei Spielfilmen im Kino. Jetzt ist klar: Die Kultserie kommt zurück! In Form einer sechsteiligen Ministaffel, die am 4. Januar 2016 auf Fox, dem Heimatsender von «The X-Files», so der Originaltitel, starten soll. Dann werden Mulder und Scully wieder nach der Wahrheit suchen, die «irgendwo da draussen liegt».

Aliens sind so was von Nineties, werden sich manche Serienfans an dieser Stelle denken. Das mag stimmen, doch ohne «Akte X» würde es viele Film- und Fernsehformate, wie wir sie heute kennen und lieben, erst gar nicht geben.

Die Angst vor dem faszinierenden Unbekannten

Die Mutter aller Science-Fiction- und Mystery-Formate spielt gekonnt mit der Angst und Faszination der Zuschauer beim Gedanken daran, dass es noch «andere Wesen» geben könnte als Mensch und Tier. «Ich wünsche mir, wie viele Menschen, Zeuge eines übernatürlichen Erlebnisses zu werden», sagt «X-Files»-Drehbuchautor Chris Carter in Interviews. «Gleichzeitig möchte ich nicht daran glauben.»

Genau diesen Widerspruch verkörpern seine Hauptfiguren: Fox «Spooky» Mulder, der offen ist für alles Ausserirdische und Übersinnliche – und von der Überzeugung getrieben wird, seine ältere Schwester sei von Aliens entführt worden, als er noch ein Junge war. Dana Scully, die Medizin studiert hat und wiederum nur glaubt, was wissenschaftlich beweisbar ist. Der Mann als intuitiv Glaubender, die Frau als logische Skeptikerin.

Er habe die Geschlechterstereotypen extra vertauscht, sagt Chris Carter. Ein Kritiker der NZZ schrieb vor 20 Jahren über das Ermittlerpaar der Stunde, er fände die Darstellung einer auf Respekt aufgebauten Freundschaftsbeziehung zwischen Mann und Frau «neu und aufregend».

Heute sind solche Konstellationen zwar noch immer nicht die Regel, sie sorgen aber wenigstens nicht mehr für Aufregung. Knallharte Kommissarinnen ermitteln einigermassen selbstverständlich mit harmoniebedürftigen, männlichen Partnern (etwa in der US-Serie «The Killing») oder bieten sich als «Frau fürs Grobe» an, während der Mann die Feinarbeit übernimmt (etwa in der «Millennium»-Trilogie von Stieg Larsson).

Der grossen Verschwörung auf der Spur

Richtungsweisend war «Akte X» aber vor allem in der Erzählweise der Serie: mit einem Rätsel, der so genannten Mythologie, die erst am Schluss aufgelöst wird. Serien wie «Lost», «Under the Dome» oder – brandaktuell – «Sense8» (siehe Kasten) bedienen sich heute dieser Form. Manchmal wird das Rätsel nur halbbatzig aufgelöst.

Die Mythologie von «Akte X» ist gemeinhin bekannt. Mulder und Skully sind im Alleingang auf der Spur einer Verschwörung: Die US-Regierung soll die Existenz Ausserirdischer vertuschen, die unsere Erde kolonialisieren wollen – und sich auf zwielichte Deals mit ihnen einlassen. Das «Konsortium» kümmert sich im Auftrag der Politiker um die Drecksarbeit, angeführt von der schlotenden Figur «Der Raucher», auch «Krebspatient» genannt. Bald werden Menschen von einer rätselhaften Krebskrankheit befallen, dem sogenannten «Schwarzen Öl» …

Jeder «Akte X»-Folge, die sich mit der Mythologie befasst, folgen zwei bis drei, die sich dem «Monster der Woche» widmen: mutierte Serienkiller, die sich durch winzige Lüftungsschächte quetschen, Riesenameisen und anderes Gekreuch und Gefleuch. Die Folge «Home», in der eine schrecklich unnette Familie ein deformiertes Baby verscharrt, war die erste überhaupt, die im US-Fernsehen mit einem Warnhinweis versehen wurde.

Der Schrecken bleibt bis heute unerreicht. Der Internet-Blog Uproxx, der Online-Kultur mit traditionellen Unterhaltungsformaten verbindet, schreibt: «Alle verstörenden Horrorbilder, alles Blut, alle abgefahrenen sexuellen Perversionen, die wir heute in Serien wie ‹American Horror Story› sehen, sind nichts im Vergleich zu dieser Folge, die man als verstörendste in der Geschichte des TVs betrachten kann.»

Aufgewärmt schmeckts am besten

Die neue Staffel «Akte X» soll sich laut Carter, der noch immer hinter den Scripts sitzt, nach dem bewährten Schema richten. Man darf gespannt sein, wie die Serie nach 13-jähriger Pause und mit zahlreichen neuen technischen Möglichkeiten aussehen wird.

Gerade bricht mit «Jurassic World» ein aufgewärmter Blockbuster aus den 1990er-Jahren alle Rekorde – gut möglich, dass wir nächstes Jahr überall mit Klingeltönen der keyboardlastigen Titelmelodie von «Akte X» beschallt werden. Keine andere klingt so schön nach Weltall.

Die Frage, warum alles, was einmal gut war, aufgewärmt werden muss, wird oft gestellt. Wir stellen die Gegenfrage: Warum nicht?

Die neue Staffel von «Akte X» startet voraussichtlich am 24. Januar 2016 auf Fox. Der Mann dahinter, Chris Carter, ist Gast am Neuchâtel International Fantastic Film Festival (2. bis 11. Juli 2015), dort wird er seine Lieblingsepisoden besprechen. Mehr Informationen dazu: http://www.nifff.ch

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