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Schönheit am Abgrund

In «Sonntagsblick Magazin», Mode on 15. März 2015 at 11:03

bild_mcqueenEr war der Bad Boy der britischen Modeszene: Alexander McQueen, Sohn eines Taxifahrers aus London. Jetzt ist eine erfolgreiche Ausstellung über den tragisch verstorbenen Star-Designer in Europa zu sehen.

Gleich im ersten Raum begreift der Besucher, auf welch wilden Trip er sich einlässt: Der Blick fällt auf Schaufensterpuppen, die Fetisch-Masken tragen, aufgeschlitzte Lederkleider, zerlöcherten Tüll auf nackter Kunststoff-Haut.

«Man soll sich vor den Frauen, die meine Kleider tragen, fürchten», sagte Alexander McQueen, in dessen Hirnwindungen diese düstere Welt entstand. Seine Kollektionen zeigen verzweifelte Frauen, die ihr Schicksal stoisch ertragen. Selbst wenn sie von einem Schwarm Schmetterlinge belästigt werden, bleiben sie cool.

Als Sohn einer Hausfrau und eines Taxifahrers im rauen Osten Londons aufgewachsen, musste er miterleben, wie Frauen in seinem Umfeld misshandelt wurden. «Ich sah meinen Schwager mit den Händen um den Hals meiner Schwester. Alles, was ich seither wollte, ist, Frauen stark aussehen zu lassen.»

2010 erhängte sich McQueen in seinem Kleiderschrank. Kurz zuvor hatte er seine wichtigste Bezugsperson verloren: Mutter Joyce, die ihren schwulen Sohn stets förderte, erlag einem Krebsleiden.

Eine atemberaubende Retrospektive in London gibt nun einen Überblick über das Schaffen des Bad Boy der britischen Modeszene.

Eine Kannibalen-Höhle aus gestapelten Knochen widmet sich Mc-Queens Faszination für primitive Stämme. Im Halbdunkeln verstecken sich Kleider aus Ponyfell und Pferdehaaren, Jagdtrophäen wie ausgestopfte Alligatorenköpfe dienen als Schulterpolster.

Aufatmen im nächsten Raum. Hier wird eines seiner weiteren Lieblingsthemen aufgegriffen: seine schottische Herkunft und das royale Britannien. Im Hintergrund läuft klassische Musik, Gold glitzert, roter Samt wölbt sich zu riesigen Capes.

Das Herzstück der Ausstellung ist ein überdimensionales Kuriositätenkabinett mit den abstrusesten Kreationen, etwa einem Metallkorsett in Form einer Wirbelsäule, aus der ein tierischer Schwanz entwächst. McQueen gilt auch als Erfinder der multimedialen Modeschau. Ein Hologramm von Kate Moss, das er in die Luft projizieren liess, ist in London erstmals seit der Erstaufführung in Originalgrösse zu bestaunen.

Viktorianische Strenge trifft auf versexte Club-Kultur 

Schon vor der Eröffnung schlug die Ausstellung mit dem Titel «Savage Beauty» alle Rekorde: Über 60 000 Tickets verkaufte das Kunst- und Designmuseum Victoria and Albert bereits vor der gestrigen Eröffnung, über eine halbe Million Besucher werden bis 2. August erwartet. Genauso viele haben sich die Ausstellung bereits im Metropolitan Museum in New York angesehen, wo sie 2011 in einer reduzierten Version gezeigt wurde.

Alexander McQueen half schon mit 15 an der Londoner Herrenschneidermeile Savile Row, Anzüge für die britische Oberschicht zu fertigen. Auch für Prince Charles, dem er – so sagt es die Legende – unsichtbare Obszönitäten ins Futter stickte. 2001, fast zehn Jahre später, überreichte ihm der britische Thronfolger den Award als Britischer Designer des Jahres. Lee, wie ihn seine Freunde nannten, war erst 40 Jahre alt, als er aus dem Leben schied. Rund zwanzig Jahre im Geschäft, hatte er alles erreicht, was sich ein Modemacher erträumen kann: Er war Chefdesigner beim französischen Modehaus Givenchy und finanzierte damit sein eigenes Label, das er später zur Hälfte und für angeblich 54 Millionen Dollar an die Gucci-Gruppe verkaufte.

McQueen hatte eine neue Ästhetik ins Spiel gebracht – einen Hybrid aus romantisierten Kleidungsstücken der britischen Geschichte und dem versexten Streetstyle der Londoner Club-Kultur. Sein Vermächtnis wird heute von seiner ehemaligen Mit-Designerin Sarah Burton weitergeführt. Sie entwarf das bisher berühmteste Kleid der Marke: das Hochzeitskleid von Herzogin Kate.

«Alexander McQueen: Savage Beauty» läuft bis 2. August 2015 im Victoria and Albert Museum in London.

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