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Alles andere als luftig-leicht

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 30. November 2014 at 08:29

bild_freifallZum Jahreswechsel beherrschen ernsthafte Themen den Schweizer Film. Allen voran der Dokumentarfilm «Freifall» über den Tod eines Basejumpers. 

Es ist knallharte Kost, die einem Mirjam von Arx zumutet. In «Freifall» erzählt die Schweizer Regisseurin und Produzentin («Sieben Mulden und eine Leiche») ihre eigene, tragische Geschichte: Vor vier Jahren lernt die heute 48-Jährige übers Internet ­einen Mann kennen – Herbert, ein deutschstämmiger Ingenieur und Basejumper. In seiner Freizeit springt er mit dem Fallschirm von Felsen in die Tiefe.

Mirjam und Herbert sind angetan voneinander, treffen sich ein erstes Mal, und während sie noch Liebesbotschaften hin- und herschicken, erhält Mirjam die Diagnose Brustkrebs. «Das Jahr kann ich abschreiben», schreibt sie an Herbert. Kurz darauf macht er ihr trotz allem einen Heiratsantrag.

Dieses «Liebesmärchen», wie sie es nennt, erzählt die Autorin den Zuschauern im perfekt gemachten Film gleich selbst: Man hört ihre Stimme aus dem Off, dazu zeigt sie Video-Schnipsel aus alten Schmachtfetzen. Oder aus Herberts Parallel-Existenz als Extremsportler. Man ahnt, was kommen wird.

Während Hollywood zum Jahreswechsel vermehrt auf süffige Unterhaltung setzt, präsentieren hiesige Filmemacher düstere Stoffe:  Der Dokumentarfilm «Electroboy» zeigt Aufstieg und Fall eines Schweizer It-Boys, der mit vierzig von Angststörungen gebeutelt mit einer IV-Rente in Berlin lebt. In «Usfahrt Oerlike» spielt Jörg Schneider, der selbst an Krebs erkrankt ist, einen 80-Jährigen, der seinem Leben ein Ende setzen will. Und in «Chrieg» erzählt Newcomer Simon Jaquemet, der als «Lars von Trier der Schweiz» gehandelt wird, die apokalyptische Geschichte einer destruktiven Jugendgang. «Der Film ist wie ein Schlag in die ­Magengrube», sagt er.

In «Freifall» springt Herbert im Basejumper-Mekka Lauterbrun-nen BE, dem «Death Valley der Schweiz», in den Tod: Der 46-Jährige verliert nach dem Absprung die Balance, kann den Schirm noch öffnen, kracht zwei Mal in die Felswand und stürzt 350 Meter ab. «Warum verspielt er sein Leben, während ich um meines kämpfe?», wird sich Mirjam im Film immer und immer wieder fragen.

Weshalb so viel Unerbauliches? Der Filmhistoriker Thomas Schärer, der soeben sein Buch «Zwischen Gotthelf und Godard. Erinnerte Schweizer Filmgeschichte» herausgegeben hat, sieht mehrere Ursachen der düsteren Themenwahl hiesiger Filmemacher. «Zunächst sind sie auf der Suche nach Stoffen, die sie selber bewegen und die einen gesellschaftsrelevanten Anspruch haben», sagt Schärer. Letzteres sei auch historisch bedingt: Ende der 1950er-Jahre hätten sich die jungen Filmemacher gegen die vorherrschende Idylle, die im Schweizer Film jeweils gezeigt wurde, aufgelehnt.

Anlässlich der Gründung der ­Solothurner Filmtage 1966 rief der Mitinitiator Stephan Portmann die alte Garde zur Räson: Sie sollen sinngemäss endlich aufhören, eine Sonntagsschweiz zu idealisieren und stattdessen wahre Schweizer zeigen, also Akkordarbeiter und Migros-Kassierinnen. Portmanns Einfluss schwingt bis heute nach: Unterhaltung hatte in der offiziellen Filmförderung einen schweren Stand. Einer der erfolgreichsten Filme, «Die Schweizermacher» (1978) von Rolf Lyssy, erhielt z. B. kein Geld – die Kommission kritisierte  die «allzu leichte Form».

Neben Historie und Kulturpolitik sieht Schärer noch zwei weitere Gründe für die düstere Themenwahl. «Komödien sind schlicht schwierig»,  sagt er, «und ist man erst einmal mit einer Komödie gescheitert, ist der Ruf als Filme­macher ruiniert.» Ausserdem sei der Schweizer per se nicht unbedingt eine Frohnatur – man müsse sich ja bloss die Suizidstatistik ­ansehen. Tatsächlich steht die Schweiz dort auf dem 18. Platz – von insgesamt 102 Ländern, deren Daten ausgewertet sind.

In «Freifall» geht Mirjam von Arx an die Grenze des Erträglichen. Sie lässt sich von der Kamera begleiten, als sie das erste Mal nach dem Tod ihres Verlobten dessen Wohnung betritt, um dort alles verschwinden zu lassen, was ans Basejumpen erinnert. Oder besucht seine Eltern in Deutschland. Es gibt Saumagen – Herberts Lieblingsessen.

Sie sei gefangen gewesen von ­ihrer Wut auf Herbert und den Sport, der ihm das Leben kostete, sagt von Arx: «Ich wollte verstehen, was dahintersteckt.» Im Film führt sie Interviews mit Herberts Freund, der ihn ins Basejumpen einführte, mit anderen Springern, Ärzten. «Freifall» ist ein fesselnder Film über die Faszination eines Sports, der keine Fehler vergibt. Und über den ungewissesten freien Fall überhaupt: die Liebe. Von Arx hat sie wieder gefunden, ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden und kerngesund. Ihre Geschichte hat ein Happy End. Wenn auch nicht nach Hollywood-Manier.

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