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Zeit für Orange 

In «Sonntagsblick Magazin», Kultur on 7. Oktober 2014 at 07:02
bild_oitnbDer Streaming-Dienst Netflix ist jetzt auch bei uns erhältlich. Endlich können wir uns die hochgelobte Serie «Orange Is the New Black» auf Deutsch ansehen.

Wer Orange trägt, tut das nicht freiwillig. Jedenfalls nicht in der Frauenknast-Serie «Orange Is the New Black». Die Eigenproduktion des US-Streaming-Dienstes Netflix, die von Fans «OITNB» genannt wird, gibt es nun endlich auch auf Deutsch und mit deutschsprachigen Untertiteln. Sie basiert auf dem autobiografischen Bestseller «Orange Is the New Black – Mein Jahr im Frauenknast» von Piper Kerman und ist in den USA so beliebt, dass Behörden befürchten, die farbige Knast-Kluft könnte ihre abschreckende Wirkung verlieren.

Zwei Stars aus der Serie sitzen in einem Hotelzimmer vor dem Schreibenden: Taylor Schilling und Kate Mulgrew. Netflix hat beide nach Berlin einfliegen lassen. Professionell geschminkte, topmodisch gekleidete Schauspielerinnen, die alle Freiheiten des Lebens geniessen. Was den Betrachter fast ein wenig ungerecht dünkt – in Anbetracht der zum Verzicht gezwungenen Häftlingsfrauen, die sie auf dem Bildschirm verkörpern.

Taylor Schilling (30) spielt die Hauptfigur Piper Chapman – eine WASP, wie weisse, angelsächsischstämmige Protestanten in Amerika genannt werden. WASP-Frauen sind ungefähr die Letzten, die man in einem US-Knast erwarten würde. «Ich habe gern gebadet», sagt Chapman in der ersten Folge. «Ich habe gern geduscht. Dabei fühle ich mich wohl. FÜHLTE ich mich wohl.» Mit Wohlfühlmomenten ist Schluss: Chapman muss wegen einer Straftat, die sie Jahre zuvor im jugendlichen Leichtsinn begangen hat, für 15 Monate ins Gefängnis. Von nun an muss sich die in New York lebende PR-Spezialistin, die eigentlich am liebsten beim Yoga entspannt oder mit ihrem Verlobten in abgedunkelten Szene-Bars abhängt, in einer grell beleuchteten Welt voller gescheiterter Existenzen beweisen.

«Die Serie ist ein realistisches Abbild unserer Gesellschaft», sagt Taylor Schilling. «Sie zeigt, wo wir heute kulturell stehen.» Drehbuchautorin Jenji Kohan («Weeds») hat die wahre Geschichte mit viel Fantasie ausgeschmückt. Sie zeigt in zahlreichen Rückblenden, wie die Häftlinge zu dem geworden sind, was sie sind. Was wir in «OITNB» sehen, ist ein multikultureller Mikrokosmos mit Menschen verschiedenster Hautfarben, Körperumfänge, Altersgruppen und sexueller Orientierungen. Etwa die transsexuelle Gefängnis-Coiffeuse Sophia, die ihre Hormone hinter Gittern nicht einnehmen darf und befürchtet, wieder zum Mann zu werden. Die Afroamerikanerin, die im echten Leben Laverne Cox heisst, war vergangenen Mai als erste Transgender-Frau auf dem Cover des renommierten «Time Magazine» abgebildet. Oder die weisse Femme fatale Alex. Mit ihr hatte Hauptfigur Chapman während ihrer wilden Zeiten eine lesbische Affäre. Im Gefängnis treffen die beiden wieder aufeinander.

«‹Orange Is the New Black› zeigt Frauen, wie sie wirklich sind», sagt Kate Mulgrew. Die 59-Jährige, die manche noch als Captain Janeway aus den alten «Star Trek»-Produktionen kennen, spielt die rothaarige Küchenchefin Red. «Man hat mich gefragt, ob ich fett und grimmig sein könne», sagt sie über ihr Engagement. «Nachdem ich so lange hübsch und sexy sein musste für meine Rollen, habe ich sofort Ja gesagt.» Gemäss Mulgrew haben es Frauen satt, dem Schönheitsideal Hollywoods nachzueifern. Tatsache sei, dass «niemand ausser fünf Menschen» dem entspreche. «Wenn ich mir noch einmal Angelina Jolie ansehen muss, drehe ich durch.»

Unterhaltungsformate mit dem Gütesiegel Diversität sind im Hoch. Nach dem Erfolg von Serien wie «Mad Men» oder «Breaking Bad», in denen weisse, heterosexuelle Männer im Zentrum stehen, sind nun wieder Produktionen dran, in denen Frauen, Afroamerikaner oder generell Minderheiten den Ton angeben. Was Taylor Schilling und Kate Mulgrew über «OITNB» sagen, mag stimmen, klingt aber auch zynisch: Offenbar lässt sich «Diversity» am besten mit Hilfe einer fiktiven Knast-Population abfeiern. Um authentische Frauen zu zeigen, muss man sie in eine Gefängnisuniform stecken. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum «OITNB» nur drei der zwölf Emmys gewann, für die das Format nominiert war: Es wird zu mehr gemacht, als es ist: ein brillantes Stück Dramedy (Drama plus Comedy) mit hohem Identifikationspotenzial.

Denn Piper Chapman – das sind im übertragenen Sinne wir, die Zuschauer. Sie ist in etwas hineingeraten, die Arme, befindet sich an einem Ort, an den sie eigentlich nicht gehört. Dadurch unterscheidet sich «OITNB» von Genreverwandten Formaten wie «Hinter Gittern»: Man schaut nicht nur von aussen zu, sondern hat eine Art Insider am Start, in dem man sich wiedererkennen kann.

Piper Chapman ist nett zu all ihren Mitinsassinnen, versucht sich diplomatisch zu verhalten und Konflikte mit Gesprächen zu lösen. Sie verhält sich so, wie die Gesellschaft das von einem verlangt – nämlich sozial. Mit dem Ergebnis, dass sie knallhart ausgenutzt, beklaut und misshandelt wird. Dann tut Chapman das, was wir im Alltag manchmal auch gerne tun würden: Sie kehrt ihre animalische Seite nach aussen, fährt ihre Krallen aus, ist gemein und antwortet auch mal mit ihren Fäusten. Es sind ihre Momente des Ausrastens, in denen sie uns am sympathischsten ist. Dass Chapman zur Boshaftigkeit gezwungen wird, macht es für uns umso leichter, sie zu mögen.

Serien schauen im Internet

Seit Mitte September ist der amerikanische Streaming-Dienst Netflix in der Schweiz erhältlich. Ab einer Monatsgebühr von 12 Franken können Abonnenten über eine Internet-Plattform auf eine beliebige Anzahl synchronisierter oder untertitelter Filme und Serien zugreifen und diese sich am TV, Computer, Smartphone oder Tablet ansehen, wann sie wollen. Die Videos werden nicht heruntergeladen, sondern aus dem Internet gestreamt. In den USA verursachen Netflix-Kunden bereits über ein Drittel des abendlichen Internetverkehrs. Die Firma produziert auch eigene Serien. Neben «Orange Is the New Black» den hochgelobten Politthriller «House of Cards» (Bild), dessen dritte Staffel hierzulande zuerst im Pay-TV läuft. Erstmals in der Schweiz zu sehen sind dank Netflix etwa die Horrorserie «Hemlock Grove» und die vierte Staffel der spannenden Krimiserie «The Killing». Eine Staffel wird von Netflix immer gleich vollständig ins Netz gestellt, wo man sie sich bei Bedarf am Stück (Stichwort: Binge Watching) und werbefrei ansehen kann. Ein ähnliches Angebot führt in der Schweiz seit kurzem Cablecom, inklusive der CH-Eigenproduktion «Fässler-Kunz» (Bild). Die Swisscom will bis Ende Jahr nachziehen.

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