Journalist

«Ich bin ein gnadenloser Voyeur»

In «Züritipp», Diverse Publikationen on 24. April 2014 at 09:05

bild_punksDer irische Fotograf Niall O’Brien hat fünf Jahre lang eine Gruppe jugendlicher Punks aus London auf ihren Streifzügen begleitet. Dabei entstand die Fotoserie «Good Rats».

Niall O’Brien, wie gewinnt man das Ver­trauen einer Punk-Gang?

Indem man verhaftet wird, zum Beispiel.

Wie bitte?

Ich war mit der Kamera dabei, als die Punks in eine verlassene Psychiatrieklinik ein­brachen. Die Polizei stürmte das Gebäude und nahm alle fest, mich inklusive. Von dem Tag an betrachteten sie mich als Freund.

Wie haben Sie die Punks kennen gelernt?

Über den Anführer, den damals 16-jährigen «Turkish». Ich habe ihn in London entdeckt, wo ich wohne. Er spielte auch in meinem Kunstfilm zum Thema Superhelden mit. Aber erst, nachdem ich ihm 50 Pfund bezahlt hatte.

Warum haben Sie die Punks fotografiert?

Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass ich dabei sein kann, wenn sie sich verändern. Zu Buchhaltern oder Junkies werden, böse gesagt. Ein alter irischer Punk in einem besetzten Haus meinte dann zu mir: «Da kannst du lange warten. Schau mich an, ich trage seit 20 Jahren dieselbe Jacke.» Und es stimmt: In den acht Jahren, in denen ich die Punks jetzt kenne, haben sie sich kein bisschen weiterentwickelt.

Ist das jetzt gut oder schlecht?

Ich finde es verdammt gut. Es zeigt, dass sie keine «Modepunks» sind. Ihre Kleidung ist eine Uniform. Daran wird nur etwas geändert, wenn etwas zerreisst oder zu sehr nach Bier stinkt.

Elend und Gewalt werden auf Ihren Fotos hochstilisiert.

Das Düstere hat mich nie interessiert. Mir gehts um die Faszination der Jugend und um die Nostalgie, wenn man an die eigene zurückdenkt.

Ihr Werk erinnert an den kontroversen Film «Kids», mit dem US-Regisseur Larry Clark 1995 das Lebensgefühl der Skaterszene einfing. Clark wird oft als Voyeur kritisiert.

Ich bin ein grosser Fan von Clark und selbst ein gnadenloser Voyeur. Ich liebe es, Menschen zu beobachten! Vor 20 Jahren gehörte ich selbst zur Skaterszene, war genau gleich drauf wie die Punks, die ich porträtierte. Mit dem Projekt habe ich meine eigene Jugend nochmals durchlebt.

Aber im Unterschied zu den Punks haben Sie sich weiterentwickelt.

Naja, ich habe etwas entdeckt, das mir genauso viel Spass machte wie Drogen und Skateboarden: die Fotografie. (lacht)

Haben sich die Porträtierten eigentlich für Ihre Arbeit interessiert?

Sie winkten immer ab, wenn ich ihnen die Fotos zeigen wollte. Zu meiner ersten Aus­stellung kamen sie, weils gratis Alkohol gab. Sie soffen alles leer und prügelten sich vor einem Bild, das sie beim Prügeln zeigt. Ich griff ein. Mein Abend endete mit einem zerschlagenen Gesicht.

 

Mit Niall O’Briens «Good Rats» öffnet Sunday Inventory seine Tore. Die Galerie für zeitgenössische Fotografie repräsentiert rund 30 internationale Künstler, deren Werke vor Ort und online erworben werden können. Sunday Inventory, Zwinglistrasse 30, sundayinventory.comEröffnungswochenende Sa / So, jeweils 11–17 Uhr.

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