Journalist

«Miley Cyrus und ich haben nichts gemeinsam»

In «20 Minuten Friday» on 29. November 2013 at 09:46

bild_greySasha Grey war «das dreckigste Mädchen» der Pornobranche. Jetzt hat sie einen Roman geschrieben.

Sich als Journalist für ein Interview mit Ex- Pornostar Sasha Grey vorzubereiten, bein­haltet eine Internetrecherche, für die Leute in anderen Branchen die Kündigung erhalten würden.

Dann sitzt sie einem gegenüber, in einem Restaurant in Hamburg, und man kriegt es einfach nicht zusammen: das Bild der zierlichen 25-Jährigen mit dem Business-Blazer und den flachen Schuhen, die hier bedächtig ihren Rucolasalat verzehrt – und die nackte Sexfurie, die in den 271 Pornos, in denen sie mitspielt, so ziemlich alles gemacht hat und mit sich hat machen lassen, was legal ist.

Marina Ann Hantzis, wie Grey richtig heisst, ist die einzige Pornodarstellerin, die es geschafft hat, ausserhalb ihrer Branche ernst genommen zu werden. Die blitzgescheite Kalifor­nierin spielt die Hauptrolle im Film «The Girl­friend Experience» von Steven Soderbergh, hat ein Fotobuch veröffentlicht, ist mit ihrer Industrial-Band an Festi­vals aufgetreten, wurde von Kunststar Richard Phillips in Öl gemalt und in einem Kurzfilm verewigt. Jetzt hat die Muse der Krea­tivszene auch noch ein Buch ge­schrie­ben: den ero­tischen Ro­man «Die Juliette Society».

«Ich erzähle eine Ge­schichte über eine selbstbewusste Frau, die ihre Sexualität erkundet», sagt Grey, «ohne dass ein Traumprinz ihr dabei behilflich ist.» Ihre Mimik beschränkt sich beim Sprechen auf die untere Gesichtshälfte, Augenpartie und Stirn bleiben total regungslos. Botox, denkt man im ersten Moment. Aber in einem früheren TV-Interview mit Tyra Banks, der Grey die Freude an ihrem Beruf erklärt, sieht sie genauso unheimlich aus. Mit 18 Jahren.

Damals hatte sie mit Pornos angefangen und sich schnell den Ruf des «dreckigsten Mädchens der Branche» erarbei­tet. Fünf Jahre später beendet sie ihre Kar­riere. Auf die Frage, wie es gewesen sei, mit 23 schon in Pension zu gehen, wirft Grey den Kopf in den Nacken, lacht laut und rau. «Strange» sei es gewesen. «Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass man von Porno nie zurücktreten kann. Es bleibt immer an einem haften. Man tut es einfach nicht mehr.»

Angeblich verfügt Grey über ein Vermögen von rund drei Millionen Dollar. Was sie gemacht hat, sei Kunst, sagt sie über ihre Pornovergan­genheit. Es sei ihr nicht ums Geld gegangen, sondern um Selbst­bestimmung und darum, das Wort Schlampe zu entmachten. «Frauen sollen im Bett genauso pervers sein dürfen wie Männer.» Eine selbsternannte Feministin in der Branche mit dem frauenverachtenden Image schlechthin – so etwas gab es vor Grey noch nie.

Und um was geht es in ihrem Roman? Um Catherine, eine Kunststudentin, die gelangweilt ist vom Blümchensex, den sie mit ihrem Freund hat. Worauf sie von Mitstudentin Anna in die Juliette Society eingeführt wird – einen geheimen Sexbund, in dem sich die mächtigsten Männer der Welt aus­toben. Eine Geschichte, die von den gut skiz­zierten psychischen Abgründen ihrer Figuren lebt. Und natürlich von den expliziten Szenen. Greys seitenlange philosophische Abhandlungen, etwa über die Symbolik von Sperma, wirken ambitio­niert, klingen stellenweise jedoch etwas gar nach Workshop für erotisches Schreiben, Teil 1. Genau wie die vielen Vergleiche, bei denen zum Beispiel ein ejakulierender Penis an nichts Originelleres als eine ploppende Bierflasche erinnert.

Trotz allem muss man der Autorin zugestehen: Sie weiss, worüber sie schreibt. «Ich glaube, dass meine Erfahrungen dem Buch einen gewissen Grad an Glaubwürdigkeit verleihen», sagt sie und spielt auf die super er­folgreiche, aber relativ brave «Shades of Grey»- Trilogie von Autorin E. L. James an, mit der sie es hier aufnehmen will.

«Lassen Sie sich von dem, was Sie gleich lesen, nicht aus der Fassung bringen», steht auf dem Buchrücken von «Die Juliette Society». Frage an Grey: Kann man in einer Welt, in der sogar ehemalige Disney-Stars wie Miley Cyrus auf Porno machen, überhaupt noch mit Sex schockieren? «Überraschen ist das bessere Wort. Und das ist nach wie vor möglich», sagt Grey. «Aber Miley und ich haben nichts gemeinsam. Wenn sie ihren Arsch schütteln will, um Alben zu verkaufen, kann sie das von mir aus tun. Aber es ist nicht wirklich etwas Neues.»

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