Journalist

«Diese grausame Wut ist weg»

In «Sonntagszeitung», Kultur on 8. September 2013 at 08:04

bild_placeboPlacebo ist nicht mehr die depressivste Rockband der Welt. Aber immer noch eine der besten, wie ihr neues Album «Loud Like Love» zeigt

Brian Molko möchte rauchen. Deswegen wird das Interview von der Bar in seine Hotelsuite im Berliner Soho House verlegt. «Wenigstens ein Laster muss ich mir bewahren», sagt der 40-jährige Sänger und Frontmann von Placebo, einer der erfolgreichsten britischen Rockbands der letzten zwanzig Jahre. Und steckt sich eine Camel Light an.

Das neue Album «Loud Like Love» ist eine kleine Sensation. Am pompösen Poprock hält die Band zwar fest, wenn auch in einer um einiges geschliffeneren Version. Aber inhaltlich klangen die düsteren Placebosongs, von denen man sich an einem schlechten Tag stets abgeholt fühlte, noch nie so versöhnlich, ja sogar optimistisch.

Über Molko hängt inzwischen schwerer Rauch. Sein androgyner Schneewittchen-Look mit der schwarzen Kluft, den geschminkten Augen und glattrasierten Wangen funktioniert noch genau so gut wie Mitte der 1990er-Jahre, als es losging mit Placebo. Das andersartige Gesamtkonzept, eine Mischung aus Glamour-, Gothic- und Punkrock, hatte damals das Interesse von David Bowie geweckt, der die Newcomer-Band mit auf Tour nahm. Spätestens ab dem Moment, als der Song «Every You Every Me» im Abspann des Teenie-Films «Cruel Intentions» lief, war der Name Placebo auch ausserhalb von England ein Begriff. Bei uns standen ihre vergangen drei Alben an der Spitze der Charts. Erfolgreicher als in der Schweiz sind Placebo, die über zwölf Millionen Alben verkauft haben, nur noch in Frankreich und Österreich.

«Ich möchte sie nicht noch einmal durchleben müssen», sagt Molko, auf seine Jugend angesprochen. Der Sohn eines international tätigen Bankers spricht mit einer monotonen Stimme, die beim Singen zu diesem unvergleichlich hohen, messerscharfen Klagen mutiert. Der depressive und verschrobene Teenager, der er einmal war, bot sich in der Schule in Luxemburg, wo seine Familie eine Zeit lang lebte, als perfektes Mobbingopfer an. Später gründete Molko in London, wo er Schauspiel studierte, ausgerechnet mit einem Klassenkameraden aus der Luxemburger Zeit Placebo. Stefan Olsdal, 39, bis heute das zweite konstante Mitglied der Band, hatte zu den «Beliebten» gehört.

Das Selbstmitleid, in dem Molko sich damals zu suhlen lernte, hatte auch seine Vorteile: Es lieferte den Stoff für all die Placebosongs über Suizid, selbstverletzendes Verhalten, destruktive Liebesbeziehungen und, vor allem, über all die Substanzen, mit denen man vor allem fliehen kann. «Selbstmitleid macht unattraktiv», sagt Molko heute und nippt an seinem English Breakfast Tee. «Ich habe inzwischen gelernt, dass man sich der Realität und seinen Gefühlen stellen muss.» Erkenntnisse eines Rockstars.

«Mein Computer denkt, ich sei schwul», singt er in «Too Many Friends», dem Herzstück des neuen Albums. Im Song geht es um das traumatische Erlebnis mit einer Internetsuchmaschine, die Molko, der schon immer mit seiner Bisexualität kokettierte, der falschen Minderheit zurechnet. Und um die wirklichkeitsverzerrenden Effekte von Social Media. Im Gespräch erweckt Molko den Eindruck, als ärgere es ihn, dass auf Facebook und Co. plötzlich jeder tun kann, was er schon seine ganze Karriere lang über andere Kanäle macht: sich selbst inszenieren. Zugeben will er es aber nicht. «Ich muss mich einfach vor allem schützen, was mich dazu verleiten könnte, in einer Traumwelt zu leben», sagt er.

Im Song «Hold On To Me», einem weiteren Highlight des Albums, singt Molko darüber, dass er als Person so schwierig zu verstehen sei wie ein Telefon ohne Verbindung. Aber alles dafür gäbe, davon erlöst zu werden.

Er hat in den letzten Jahren einiges durchgemacht: Unter anderem ging die langjährige Beziehung zu seiner Freundin und Mutter seines achtjährigen Sohnes Cody in Brüche. In derselben Phase beendete Molko seine lange Drogenkarriere. Er habe viel Zeit in Asien verbracht, Meditation und Buddhismus für sich entdeckt. «Ich habe immer noch meine dunklen Momente», sagt er, und drückt seine Zigarette aus. «Aber diese grausame Wut, die ich immer mit mir rumgetragen habe, ist weg.»

Das Album «Loud Like Love» (Universal) erscheint am 13. September

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