Journalist

Eine Minute im Leben

In «Das Magazin» on 18. Mai 2013 at 09:15

text_kendrick_smd-1Rapper Kendrick Lamar, 25, wuchs in der übelsten Ecke von L. A. auf. Doch zu sterben, das wäre ihm zu einfach gewesen.

Wir waren in einem weissen Toyota-Bus unterwegs – meine drei Kumpel und ich. Ein Vierteltank Benzin, eine Pistole, ein Orange Soda. Wir trugen Basketballshorts, rauchten Gras und sprachen eine Sprache, die nur wir verstanden. Unsere Mission: Frauen, Autos und Klamotten – «hoes, cars and clothes». Das wars, was mich interessierte. Da war ich sechzehn.

Dieser Tag hätte mein Leben verändern können. Ich singe darüber im Lied «The Art Of Peer Pressure». Es geht um den Gruppendruck, dem ich ausgesetzt war in Compton – der berüchtigten Gegend von Los Angeles, in der ich aufgewachsen bin. Die Gang-Kultur ist dort sehr stark. Du hast keine anderen Freunde als diese.

Wir fuhren in die schicken Vororte von Los Angeles, um ein bisschen mit den hellhäutigen Girls in ihren kurzen Röcken zu flirten. Sie haben uns an den weissen, langen T-Shirts und billigen Mobiltelefonen gleich angesehen, dass wir nicht aus ihrem Viertel waren. Unterwegs sahen wir ein paar Typen, die die falschen Farben anhatten. Schon gings los: «Warum tragt ihr blaue Sachen?» Denn Blau steht für die Gang «Crips», Rot für «Bloods». Wir suchten Streit.

Eigentlich glaube ich an Karma: Was du austeilst, wirst du irgendwann zurückkriegen. Deshalb war ich auch nie gewalttätig, solange ich nicht mit meinen Kumpels zusammen war. Dasselbe mit den Drogen: Ich trank und dröhnte mich zu, weil das einfach alle um mich herum machten. Tief in mir drinnen wusste ich aber immer, dass es nichts für mich ist.

Während wir an diesem Tag damals noch damit angaben, was für harte Typen wir waren, hielten wir vor einem Haus, vor dem wir zwei Monate campiert hatten. Die Sonne ging unter. Ich schlug ein Fenster ein: Nintendo-Konsole, DVDs, Plasma- TV – wir nahmen, was wir wollten, und packten es in den Kofferraum. Plötzlich merkten wir, dass jemand zu Hause war. Jemand hatte sich in einem der Zimmer eingeschlossen. Shit! Als wir uns aus dem Staub machten, hörten wir das Heulen der Polizeisirenen näher kommen. Genau in diesem Moment rief mich meine Mutter an und fragte, wo ich steckte. Ich hätte ihr antworten können, dass ich wohl gleich zum ersten Mal verhaftet werden würde. Doch die Cops bogen zum Glück ab, die Sirenen wurden leiser.

Ich hatte immer eine Begabung für Rap, bin damit aufgewachsen. In meiner Familie erzählt man sich, dass dieser Sound schon im Auto lief, als mein Vater mich nach der Geburt vom Spital nach Hause fuhr.

Meine Kumpel haben mal zu mir gesagt: «Versprich, dass du über uns singst, wenn du irgendwann gross rauskommst!»

Eines Tages, ich war zwanzig, hörte ich auf der Strasse Schüsse. Dann schrie jemand um Hilfe. Ich lief raus und sah einen meiner Kumpel blutüberströmt am Boden liegen. Ich redete ihm gut zu. Sagte ihm, dass alles wieder gut werde. Dann konnte ich nur noch mitansehen, wie er seinen letzten Atemzug tat. Das war für mich der Wendepunkt. Ich wusste, dass ich es als Rapper schaffen muss.
Wer mich verstehen will, sollte wissen, aus welchem desaströsen Umfeld ich komme. Deshalb erzähle ich in meinen Songs die Geschichte meiner Kumpel. Und meine Geschichte. Ich will, dass man sich an mich erinnert. Zu sterben oder im Knast zu landen – das wäre zu einfach.

Kendrick Lamar tritt mit seiner Band am 17. Juli am Montreux Jazz Festival auf. 

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