Journalist

«Die Privatsphäre ist überbewertet»

In «Sonntagszeitung», Trend on 12. Mai 2013 at 08:53

daheim_baba_uslenderRapper und Youtube-Star Baba Uslender, 23, wohnt bei seinen Eltern in Hochdorf LU . Er hat nicht vor, das zu ändern

Er hat seine Ziele vor Augen. Sie hängen in Form von Fotos an seinem Einbauschrank: eine Hollywoodvilla, ein Sportwagen, ein Swiss Music Award. Dinge, die Granit Dervishaj, Künstlername Baba Uslender, eines Tages besitzen will.

Vorerst muss sich der 23-jährige Rapper, der mit seiner Crew Uslender Production gerade das zweite Album herausgebracht hat, mit weniger begnügen. Er wohnt mit seinen Eltern, die vor dreissig Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz kamen, und seinen zwei Geschwistern in einer 5½-Zimmer- Wohnung in der 9000-Seelen- Gemeinde Hochdorf. Er fährt den Volvo seines Vaters.

Baba sitzt in Socken am Esszimmertisch, hinter ihm hängen Fotos seiner Verwandtschaft, teilweise in traditioneller Bauernbekleidung. Er strahlt die Lässigkeit eines Dauergastes aus, die typisch ist für Jungs, die im Hotel Mama logieren. «Ich gebe zu, noch nie einen Staubsauger in den Händen gehalten zu haben.» Den Stil dieser Wohnung würde er mit «so, wie es meine Mutter will» beschreiben. Fatmire hat ein Faible für Katzen: Zwei Echte tummeln sich auf dem Katzenbaum im Gang, zwei steinerne schmücken ein Sideboard mit Milchglasfenstern im Wohnzimmer. Über einer Kommode hängt ein Kupferbild von Skenderbeu, dem Nationalhelden Albaniens.

Die Einrichtung sei ihm total egal, sagt Baba. «Man könnte mir einfach eine Matratze hinlegen, und ich wäre glücklich.» Ganz so spartanisch sieht es aber nicht aus in seinem kleinen Zimmer. Ein weiss lackiertes Holzbett steht da, ein Flatscreen mit Spielkonsole, eine Nachttischlampe aus Rosenquarz und diverse Beautyprodukte für die Haartolle. Baba empfiehlt, neben Föhn und Haarspray auch Schaum anzuwenden. «Fürs Volumen.» Auf einem Plakat steht «Halt Schnorre». Einer von Babas Lieblingssprüchen, der jetzt aber wieder out sei. «Was isch los, Kolleg?», sei sein aktueller Favorit.

Baba will auch nach der Heirat bei seiner Familie bleiben

Baba gilt als erstes Schweizer Youtube-Phänomen; sein «Baustellsong » über ausländische Arbeiter in der Schweiz schaffte es bis heute auf über eine halbe Million Klicks. Dem ersten Album von Uslender Production, zu der auch die Rapper Ensy und Effe gehören, gelang darauf nur mit Downloads und ohne Unterstützung eines Labels der Sprung auf Platz 17 der Schweizer Charts. Baba rappt im Slang der kosovoalbanisch- stämmigen Secondos, zu denen er selbst gehört. So klischiert, dass man nie richtig weiss, wie ernst er es meint. Mit einem Komiker wie dem Berner Müslüm, der einen türkischen Secondo persifliert, will er aber nicht verglichen werden. Da sei er viel zu nahe an der Realität. In einem Song thematisiert Baba seinen Vater, der zu ihm sagt: «Ich will, dass Frau suchsch!» Baba: «Das hat jeder Kosovo-Albaner in meinem Alter schon zu hören gekriegt.»

Für seine Kollegen schmeisst er gern Partys im grossen Wohnzimmer. Zu zehnt sitzen sie dann bis spät in die Nacht auf dem beigen Kunstledersofa und spielen auf dem Marmortisch Monopoly. Alkohol trinke er im Moment keinen, sagt der gemässigte Muslim. «Wenn ich Studiozeit hinter mir habe, brauche ich manchmal eine Bierpause.» Dafür raucht die ganze Familie – ausgenommen der Vater – in der Küche oder auf dem kleinen Balkon hinter violetten Geranien Zigaretten.

Wie sieht es nun aus mit der vom Vater verordneten Frauensuche? Seit drei Monaten sei er wieder Single, sagt Baba. Falls er einmal heirate, müsse seine Braut akzeptieren, dass er mit seinen Eltern zusammenwohnen wolle. Er möchte am liebsten nie ausziehen. «Ich komme nicht gut klar mit Veränderungen.» Seitdem er seinen Job als Lagerist zugunsten der Musik aufgegeben hat, kann er sich eigene vier Wände sowieso nicht leisten. Ein Bedürfnis nach Privatsphäre hat er sowieso nicht. «Die ist überbewertet», sagt Baba. Und wo wäre in der Wohnung Platz für eine weitere Person? «Wir würden dann einfach alle in meiner Villa wohnen.» Sein Grinsen ist schief. Einmal mehr weiss man nicht, wie ernst er es meint.

Ganz oben in den Charts

Rapper Baba Uslender, 23, hat auf Facebook mehr Fans als der Sänger Baschi. Granit Dervishaj, wie der eingebürgerte Kosovo-Albaner richtig heisst, sorgte 2012 erstmals mit seinen ironischen Rapsongs im Secondo-Slang für Aufsehen und entwickelte sich zum ersten Schweizer Youtube-Phänomen. Er erreichte mit seiner Crew Uslender Production, kurz UP, Platz 17 der Schweizer Album-Charts. Mit UP hat er gerade das zweite Album «Zrug in Summer» veröffentlicht, das er zusammen mit den Rappern Ensy und Effe produziert hat und mit dem er direkt auf Platz 4 der Schweizer Album-Charts einstieg. Seit letztem Jahr moderiert er zudem mit Gülsha Adijli die «Balkan Show» auf dem TV-Sender Joiz.

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