Journalist

Kein Freund von Pastelltönen

In «Sonntagszeitung», Trend on 31. März 2013 at 15:17

soz_darbellayGeht es ums Wohnen, mag es CVP-Chef Christophe Darbellay eindeutig

Christophe Darbellay zeichnet mit der Hand den Horizont nach, der aus der Ferne durch die grosse Fensterfront schimmert. «Von hier aus sehe ich bis ins Lötschental. » Er steht im Wohnzimmer seines zweistöckigen Minergiehauses aus Beton und Holz, das er vor acht Jahren in den Hang oberhalb von Martigny bauen liess. «Bei uns im Wallis haben wir fünftausend Hektaren mehr Wald als noch vor zehn Jahren», sagt der Nationalrat und CVP-Präsident. Das Argumentieren mit Zahlen ist ihm als Politiker wichtig.

Schliesslich misst er auch 1,95 Meter. Er sei der grösste Politiker in Bern, «oder sagen wir lieber der längste – sonst werden die anderen noch hässig». Seine direkte Art eckt an. Kürzlich hat er den FDP-Chef verärgert, weil er dessen Partei in Zusammenhang mit der 1:12-Initiative attestierte, einen «Touch von Economiesuisse und Bahnhofstrasse» zu haben. Wenn Darbellay lacht, zeigt er weisse Zähne, die Körperhaltung wirkt angriffslustig, der Blick ist wach. Sein dunkler Teint zeugt von Ausflügen ins nahegelegene Verbier, wo der 42-Jährige seinen vierjährigen Sohn Alex skitechnisch auf Vordermann bringt. «Im Moment fahren wir die rote, bald die schwarze Piste.»

Das Interieur des Hauses Darbellay passt gut zur kargen Walliser Landschaft, von der es umgeben ist: Das Licht, das überall direkt hereinfällt, ist der Star in den sechseinhalb Zimmern mit 200 Quadratmeter Wohnfläche; das Mobiliar schlicht gehalten, meist schwarz oder weiss. Die Decke besteht aus naturbelassenem Holz, der Boden aus hellem Parkett.

Für Farbtupfer sorgen die vielen Spielzeuge: die Wände entlang angeordnet, ergänzt durch ein paar rote Zierkissen, Lampen, einen Teppich in Spaghetti-Optik und ein Gemälde in Orange. Es ist die Farbe der «Familienpartei der Schweiz», wie sich die CVP nennt. «Ich mag es eindeutig», sagt ihr Präsident. «Pastelltöne kann ich nicht ausstehen.»

Vor vier Monaten ist er zum zweiten Mal Vater geworden. Seine Frau Florence, die als Anwältin arbeitet, hat Tochter Justine zur Welt gebracht. Nach fünf Fehlgeburten, wie Darbellay gegenüber der «Schweizer Illustrierten » offen erzählte. «Ich finde es wichtig, dass solche Themen nicht tabuisiert werden», sagt er. Er habe kein Problem damit, Persönliches preiszugeben. Im Gegenzug sei er einer, der auch mal – ganz unschweizerisch – unangekündigt beim 80-jährigen Nachbarn vorbeischaue, um dessen Wein zu degustieren. «Meine Frau findet das unpassend.»

Er holt sein iPhone hervor und beginnt eifrig, Fotos zu zeigen: von seiner Jagdhütte (er ist ein passionierter Jäger), vom Col de la Forclaz (er wandert gern), vom Chalet seiner Eltern in La Fouly (einmal im Jahr macht er dort mit den Kindern der ganzen Verwandtschaft ein «Darbellay- Camp»). Wie viele Männer, die beruflich oft unterwegs sind, pflegt der Politiker ein loses Verhältnis zu seinem Zuhause. «Ich habe schon eine emotionale Bindung », sagt er. Es reiche ihm aber bereits, zu wissen, dass er seine eigenen vier Wände besitze. «Ich bin Eigentümer im Geiste.»

Der Politiker steht gerne früh auf. Um 5 Uhr geht es los: zuerst kurz E-Mails beantworten, dann mit dem Auto zum Bahnhof Martigny. Von dort aus mit dem Zug nach Bern, wo er eine Einzimmerwohnung beim Bahnhof hat, falls es ihm einmal nicht mehr nach Hause reicht. Tagsüber Session oder Kommissionssitzungen, abends Parteianlässe oder ein Streitgespräch. «Falls ich erst um 2 Uhr nach Hause komme, schlafe ich im Gästezimmer. Ich will meine Frau nicht wecken.»

Was macht er denn, wenn er einmal zu Hause ist? «Dann koche ich etwas.» Was denn? «Am liebsten Wild oder Teigwaren mit Sauce auf Tomatenbasis.» Heute will er noch mit Alex nach Martigny fahren, um Milch und Orangesaft zu «poschte».

Darbellay schielt auf seine Uhr. «Die habe ich gekauft, als Hayek gestorben ist», sagt er. «Er war ein origineller Typ und hat viel getan für die Schweizer Wirtschaft.» Es ist eine Taucheruhr von Longines. «Obwohl ich ganz schlecht schwimme. Ich würde am liebsten meine ganze Freizeit im Wallis verbringen, aber meine Frau will lieber Strandferien machen», sagt Darbellay und verdreht die Augen. Demnächst gehe es in die südfranzösische Region Languedoc- Roussillon, die für ihre Höhlenwelt bekannt ist. «Das ist ein guter Kompromiss.»

 

 

Von Martigny nach Bern und wieder zurück

Christophe Darbellay, 42, ist seit 2006 Präsident der CVP Schweiz und seit 2003 Mitglied des Nationalrats. Der Walliser kam in Martigny als Sohn einer Hebamme und eines Agronomen zur Welt, wo er mit vier Brüdern aufwuchs. Nach Abschluss des Gymnasiums studierte er an der ETH Zürich Agronomie und begann fünf Jahre später in Bern im Bundesamt für Landwirtschaft zu arbeiten, wo er bald zum Vizedirektor aufstieg. Der Romand ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden und wohnt mit seiner Familie in einem zweistöckigen Haus mit Minergiestandard in Martigny-Croix VS.

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