Journalist

Ein Tag im Leben

In «Das Magazin» on 27. Juli 2012 at 18:07

tag_hoteltesterin_magazin-1Isabelle K., 29, arbeitet als verdeckte Hoteltesterin. Manchmal gewöhnt sie sich an Luxus, den sie sich gar nicht leisten könnte.

Mein Wecker klingelt kurz vor sieben, damit ich richtig wach bin, wenn der Weckruf der Hotelrezeption kommt. Ich höre genau hin, ob man mir freundlich Guten Morgen wünscht und meinen Namen nennt. Niemand darf wissen, dass ich die Hoteltesterin bin! Daher checke ich immer wieder unter einem anderen Namen ein. Wie das legal geht, ist Berufsgeheimnis.

Ich bin sozusagen Profigast. Die Firma LRA Worldwide, für die ich arbeite, wird von grossen Hotelketten engagiert. Sie hilft, Schwachstellen im Betrieb aufzudecken, die vielleicht darüber entscheiden, ob ein Gast wiederkommt oder nicht.

Mit 19 fing ich in der Hotellerie an, seitdem habe ich auf die Position des «Quality Consultants», wie mein Job offiziell heisst, hingearbeitet. Heute bin ich von Montag bis Freitag unterwegs und teste bis zu vier Hotels pro Woche. Letzte Woche war ich in Rom, Belgrad und Istanbul, morgen bin ich zum ersten Mal in Finnland. Ich sehe immer wieder neue Länder und werde auch noch dafür bezahlt. Das ist schon toll, auch wenn man viel allein ist in diesem Beruf. Meine letzte Beziehung hat irgendwann nicht mehr funktioniert — mein Ex-Freund kam nicht damit klar, dass ich fast nie zu Hause war.

Nach dem Weckruf mache ich mich frisch. In einem Businesshotel ziehe ich ein Kostüm oder einen Anzug an, in einem Leisure- Hotel etwas Bequemes. Danach gehe ich zum Frühstück, wo ich eine Omelette bestelle und die Zeit stoppe, bis sie serviert wird. Für den Fall, dass ich nach dem Grund meines Aufenthalts gefragt werde, muss ich eine gute Geschichte parat haben. Oft gebe ich mich als Messebesucherin aus. Man darf keine widersprüchlichen Angaben machen, denn das Hotelpersonal redet gern.

Nach dem Morgenessen bereite ich das Zimmer für das Housekeeping vor, indem ich für etwas Unordnung sorge. Ich mache mir ein innerliches Bild davon, wie ich alles zurückgelassen habe. Die Kleider, die auf dem Bett liegen, sollten ordentlich zusammen- und zur Seite gelegt sein, wenn ich zurückkomme. Ich komme mir oft vor wie eine Detektivin, die Gefahr, entdeckt zu werden, liegt immer in der Luft.

Manchmal tun mir die Leute leid. Einmal hat mich eine ehemalige Klassenkameradin bedient, die nicht wusste, dass ich Hoteltesterin bin. Sie hat dann auch prompt eine paar blöde Fehler gemacht.

Über Mittag suche ich mir ein Plätzchen in einem Café, wo ich alle Informationen, die mir im Kopf herumschwirren, niederschreibe. Ich darf nicht zu viel im Hotel sein, weil das auffällig wäre. Nachmittags gehe ich in den Fitnessbereich. Auf dem Crosstrainer präge ich mir alles ein: Sauberkeit, Zustand der Geräte etc. Ich kann aber nicht nur so tun, also ob ich Sport mache. Wenn schon, denn schon!

Abends, im Restaurant, muss ich darauf achten, dass ich nicht das günstigste Gericht bestelle, sondern eins, das das Können der Köche zeigt. Es gibt Schlimmeres, sag ich mal.

Manchmal gewöhne ich mich an das gute Essen und den tollen Service. Dann fällt mir der Unterschied sofort auf, wenn ich privat in eine Bar gehe. Viele Hotels, die ich teste, könnte ich mir gar nicht leisten. Das macht mir aber nichts aus. Den Luxus habe ich schon bei der Arbeit.

Nach dem Essen mache ich einen Abstecher in die Bar. Wenn ich von einem anderen Gast angesprochen werde, muss ich meine Rolle weiterspielen. Flirtversuche blocke ich ab. Auf nette Art natürlich. Ich bin froh, wenn es nicht dazu kommt.

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