Journalist

«Was ist los? Läuft doch eigentlich alles super!»

In «Sonntagszeitung», Kultur on 18. März 2012 at 11:45

kuno_lauenerKuno Lauener über miese Launen, Vaterfreuden, seinen Privat-Guru und die neue Züri-West-Scheibe «Göteborg»

Kuno Lauener wirkt etwas verloren im glitzernden Luxus des Hotels Schweizerhof in Bern. Vielleicht liegt es daran, dass es neun Uhr früh ist. Eine Zeit, zu der Rockstars normalerweise keine Interviews geben. Aber er sei ein Morgenmensch, sagt der Sänger und Texter von Züri West. Die legendäre Mundartband hat ihr neues Album «Göteborg» am Start. «Seit kurzem werden meine Morgen durch Kindergeschrei und Windelnwechseln bereichert », sagt der frisch gebackene Vater in breitem Berndeutsch. Mit 51 ist er immer noch der verschmitzte, schlecht rasierte Typ, den Frauen sexy und Männer cool finden.

Sie sind dünn, Herr Lauener.
Ich habe gerade eine Magen- Darm-Grippe hinter mir und in zwei Tagen drei Kilo abgenommen. Nicht das Schlechteste für Fotoshootings.

Im Song «Göteborg» verteilen Sie Seitenhiebe gegen Berner Mundartmusiker, denen Sie zur Unterstützung eine Idee für einen Hit schicken wollen. Wer hat sich bei Ihnen beschwert?
Niemand! Der Song ist nicht ernst gemeint, und ich glaube, die Kollegen, die ich nenne, haben das verstanden. Es sind ja alles Leute, die ich mag.

Sie hätten die Idee für den Hit auch an Bligg nach Zürich schicken können.
Ich wollte, dass sie in Bern bleibt. Obwohl … Phenomden hätte ich sie auch noch gegeben.

Sie probieren beim Texten eines Albums immer etwas Neues aus. Was war es dieses Mal?
Ich habe versucht, die Songs wie kleine Youtube-Filme zu gestalten, bei denen man nicht weiss, was davor und danach passiert ist. Zum Beispiel «Pinsuschwinger»: Ein Kreativer zeigt seiner Freundin seine Skizzen. Sie traut sich nicht, ihm zu sagen, wie schlecht sie die findet.

Zeigen Sie Ihrer Freundin Ihre Texte?
Es kommt schon vor. Manchmal fragt sie sich wahrscheinlich auch: «Mein Gott, was soll ich jetzt sagen?»

Sie heisst Kristina, ist 15 Jahre jünger als Sie, halb Schwedin, halb Deutsche und in der Schweiz aufgewachsen. Ist es eine Liebeserklärung, dass das neue Züri-West-Album «Göteborg» heisst?
Sie kommt zwar aus dieser Stadt. Aber nein, Liebeserklärungen mache ich an anderen Orten. Zum Beispiel bei uns am Küchentisch.

Vor drei Monaten sind Sie das erste Mal Vater geworden. Wie fühlt sich das an?
Ich wurde mit etwas konfrontiert, das die meisten Menschen Mitte zwanzig als logischen Schritt empfinden. Wenn ich mir vorstelle, was als Vater jetzt alles auf mich zukommt, denke ich, «läk», ich bin 51 und habe noch nichts erreicht! Ich komme mir auf eine komische Art jung vor.

Ein gutes Gefühl?
Absolut. Aber auch ein ungewohntes. Ich habe mich nie als potenziellen Vater gesehen und in meinem Alter sowieso nicht mehr mit Nachwuchs gerechnet. Ich lebe seit den 1980er-Jahren von der Musik. Das Rock-’n’-Roll-Leben ist sehr komfortabel, wenn man sich nicht festlegen will. Wenn ich früher in eine Wohnung gezogen bin, hatte ich nach fünf Jahren noch Kisten herumstehen.

Ihre Tochter heisst Lucy. Wird sie einmal Schwedisch sprechen?
Wir fänden es toll. Aber mal schauen, auf was sie dann Lust hat, die Kleine.

Wer passt auf sie auf, wenn Sie im April auf Tournee gehen? Ihre Freundin ist Oberärztin und arbeitet 13-Stunden- Schichten, wie Sie einmal erzählt haben.
Im Moment ist meine Freundin einfach mal Mutter. Ich gehe jetzt das Geld verdienen.

Ihr Zuhause ist die Ausgangslage vieler Songs. Dem Berner Aussenquartier Bethlehem, wo Sie seit drei Jahren wohnen, widmen sie mit «3027» sogar den ersten Song von «Göteborg».
Ich war schon immer gerne zu Hause. Früher war es für mich einfach wichtig, dass ich in fünf Minuten bei meinen Kumpels in der Beiz sein konnte. Das ist jetzt nicht mehr so. Dafür wohnt meine kleine Familie in einem eigenen Haus: eine Holzhütte, in der es zwar immer zieht, in der wir aber viel Lärm machen können. Ich habe ein kleines Studio eingerichtet, es hat einen Garten und Nachbarn, die einem zuwinken.

Ab und zu fällt Ihnen aber auch die Decke auf den Kopf, wie Sie es im Song «Hallo Schiisluun» beschreiben.
Dass sich mein Gemüt ab und zu in verstimmten Wetterlagen befindet, ist kein Geheimnis. Am schlimmsten ist es beim Texten, wenn ich ganz allein um ein Paar blöde Zeilen ringe. Dann tigere ich vor den Fenstern herum, schaue hinaus und frage mich selbst: «Was ist los? Läuft doch eigentlich alles super!» Bringen tut es meistens nichts.

Wie halten Sie sich trotzdem in Form?
Ich mache ab und zu ein paar Yogaübungen.

Kuno Lauener, der den Sonnengruss macht – schwer vorstellbar. Wer hat Ihnen das beigebracht?
Ich habe eine Art Privat-Guru. Zu ihr gehe ich ab und zu, um mein Herz auszuschütten. Sie hat mir auch gezeigt, wie ich mich entspannen kann.

Whitney Houston ist kürzlich mit 48 gestorben. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Es hat mich berührt, ich fand sie eine wunderschöne Frau mit einer Wahnsinnsstimme.

Man sagt, sie habe den Spott über ihr missglücktes Comeback nicht ertragen. Können Sie das nachvollziehen?
Manchmal sind die Leute einfach beleidigend. Wenn ich miese Sachen über mich oder meine Freunde lese, kann ich auch nicht immer darüberstehen. Für eine Frau, die noch mehr übers Aussehen definiert wird als ein Mann, ist das noch viel härter. Da kannst du noch so viel Geld auf dem Konto haben und in einem Palast wohnen – das macht dich fertig.

Mit dem Hit «I schänke dir mis Härz» lieferte Züri West Mitte der 90er-Jahre den perfekten Song für gebrochene Teenager- Herzen. Wie viel Anschluss haben Sie noch zur Jugend?
Wenn ich mit dem Tram in die Stadt fahre, sitzen mir oft Teenager gegenüber mit Hip-Hop- Käppli auf dem Kopf und iPod in den Ohren. Plötzlich fragen sie: «Sie, sind Sie nicht der von Züri West?» Das überrascht mich immer und macht mir Mut. Ich fühle mich aber nicht mehr verpflichtet, einer ganzen Generation einen Soundtrack zu liefern.

Züri West war in den 80er- Jahren ein fester Bestandteil der Häuserbesetzerszene.
Damals waren wir als Band wie eine Gang. Alles schüchterne Sieche, aber zusammen stark. Das verbindet uns noch heute, obwohl wir alle unsere eigenen Leben führen.

Wie viel Punk steckt noch in Ihnen?
Die Fuck-off-Haltung, dass man nicht gleich zu allem Ja sagt, habe ich mir bis heute bewahrt.



Intim und heiter

Keine Schweizer Band versteht es besser als Züri West, aus den kleinen Freuden und Leiden des Alltags grosse Popsongs zu machen. Das beweist sie auf ihrem neuen Album «Göteborg» einmal mehr. Der entspannte Sound der Songs wird mit Orgeln oder gedämpften Bläsern angereichert. Die Stimme des Sängers Kuno Lauener war noch nie so gut abgemischt, seine pointierten Texte bewegen sich locker zwischen Persönlichem und Weithergeholtem. Ein intimes Album mit zahlreichen heiteren Momenten.

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