Journalist

«Eins und Eins macht Drei»

In «20 Minuten Friday» on 9. Oktober 2009 at 11:44

viktorrolf_friday-1Vieles ist extrem an Viktor & Rolf: Ihre Shows, ihr Auftritt, ihr neuer Frauenduft Eau Mega. Aber wer die Topdesigner trifft, lernt zwei ziemlich schüchterne Jungs kennen. 

Es gibt diese Szene in der DVD-Dokumentation «Viktor & Rolf – The Making of a Fashion House», in der eine Show der holländischen Designer wegen technischer Probleme zwei Stunden zu spät beginnt. Viktor macht ein Gesicht, als hätte er ein Gespenst gesehen. Rolf heult vor Frust im Backstage-Bereich und schluchzt unaufhörlich: «Alptraum! Alptraum!»

Jetzt sitzen Viktor Horsting (40) und Rolf Snoeren (40) auf einem verschnörkelten Sofa vor einem. Schüchtern wie zwei Schuljungen, die zum Rektor müssen. Und die Augen blinzeln nervös, als wollten sie sich hinter den schwarzen Hornbrillen verstecken. So zurückhaltend, wie sie sich geben, kann man sich gar nicht vorstellen, dass sie auch mal Emotionen zeigen können.

Es ist zehn Uhr früh im Luxushotel La Meurice im 1er Arrondissement. Viktor & Rolf, für deren Gast-Kollektion wir 2006 die Filialen von H&M stürmten, sind von ihrem unaufgeregten Arbeitsort Amsterdam ins hektische Paris gekommen, um für den neuen Duft Eau Mega zu werben.

Wie ist denn die Frau, die ihn trägt? «Stark, extrem und exzessiv», sagt Viktor. «Jemand, der über den Tellerrand hinausdenkt und seine eigenen Regeln aufstellt.» Raquel Zimmermann posiert für die Parfümkampagne als sexy Riesin über den Dächern von New York. Viktor: «Wir lieben Superfrauen wie sie.»

Das zwillingshafte Auftreten ist Viktor & Rolfs Markenzeichen. Sie gleichen sich von Natur aus, besitzen ähnliche Gesichtszüge, dieselbe Haarfarbe und Statur. «Wir wurden schon immer verwechselt. Also haben wir beschlossen, damit zu spielen. Seither tragen wir bei öffentlichen Auftritten identische Brillen und ähnliche Kleider.» Ihre gepunkteten Krawatten, die sternenverzierten Hemden und das viele Rosa schreien nach Aufmerksamkeit. Wie extrem sind sie denn nun wirklich?

Lange Schweigeminute. «Wir kreieren als Modedesigner eine extreme Welt. Dazu gehört auch unser Auftritt. Das heisst nicht, dass wir selbst ein Leben voller Exzesse leben. » Was machen sie an einem freien Tag? «Wir gehen mit dem Hund spazieren.» Keine Party? «Lieber ins Museum.»

Von klein auf sei er da gewesen: der Traum, Modeschöpfer zu werden. Gehört dazu automatisch auch das Kreieren von Düften? «Absolut», sagt Rolf. «Parfüm repräsentiert das Universum, das man mit einem Mode- Brand erschafft, noch besser als Kleidung.» Durch die Werbung für Parfüm-Klassiker aus den 80ern – etwa Poison von Christian Dior – sei er überhaupt erst auf Mode aufmerksam geworden. «Es war etwas Glamouröses, das in meine langweilige Vorstadt-Jugend gelangte.»

An der Aufnahmeprüfung für die Modeklasse der holländischen Universität Arnheim liefen sie sich als 18-Jährige das erste Mal über den Weg. «Ich arbeitete in der ersten Reihe, Rolf ganz hinten », erinnert sich Viktor. Sechs Monate später sassen sie in derselben Klasse. War da mal mehr als Freundschaft und gemeinsame modische Visionen? «Das ist aber sehr persönlich.» Beantworten Sie die Frage trotzdem? «Nein, wir ignorieren sie.» Bekannt ist: Sowohl Viktor als auch Rolf haben einen festen Freund. Sind die Partner denn nie eifersüchtig, wenn die beiden immer zusammen rumhängen? Viktor: «Die wussten, auf was sie sich einlassen, als sie in die Familie kamen.»

Viktor & Rolfs Kollektionen orientierten sich in ihren Anfängen oft am Zeitgeschehen. Als 1998 die ganze Welt dem Millennium entgegenfieberte, schickten sie Models in Kleidern über den Laufsteg, die aussahen wie Atompilze. «Wir fragten uns, ob Nostradamus recht haben und die Welt untergehen würde, oder ob wir die grösste Party feiern würden, die es je gab.»

Die «Bombe Atomique»-Kollektion war Haute Couture: handgenähte Luxusmode nach Mass. Es ist ungewöhnlich, dass Designer mit dieser brotlosen Kunst loslegen. Viktor & Rolf taten nicht nur das, sie scherten sich auch keinen Deut um die Tragbarkeit ihrer Kreationen. «Das brachte uns kein Geld, dafür waren wir die Darlings der Modestudenten und Kunstfreaks.»

Nachdem sich Viktor & Rolf kreativ ausgetobt hatten, stiegen sie 2000 ins Prêtà- porter-Geschäft ein. Die erste Kollektion «ab Stange » hiess «Stars and Stripes» und war grösstenteils im Muster der USFlagge gehalten. Damit machten Viktor & Rolf klar: Wir wollen jetzt richtig fett Kohle machen. Kurz darauf hingen ihre Kreationen erstmals in Nobelkaufhäusern wie Barneys New York oder Colette in Paris. Vier Jahre später folgte der erste, pompös inszenierte Frauenduft: Flowerbomb. Für ihre aktuelle Herbst-/ Winterkollektion gingen weiss geschminkte Models in drapierten Kleidern wie Statuen über den Laufsteg.

Streit gibt es nie im Hause Viktor & Rolf. Viktor: «Wenn wir uns über etwas nicht einig sind, lassen wir es einfach bleiben.» Und: «Mit zwei Ansichten kommt man zu Neuem, das vorher noch nicht existierte. » Kurz: «Eins und eins gibt bei uns drei». Zuletzt kommt von Rolf dann aber doch noch eine Äus serung, die etwas Emotionalität durchblitzen lässt: «Wir gehören zusammen. Es ist Schicksal.»

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