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«Annabelle»: Wie ist es eigentlich, …

In «Annabelle», Diverse Publikationen on 27. Juni 2007 at 14:59

anna_wie_ist_es… 200 000 Franken auf der Strasse zu finden?

Zuerst fuhr ich an der braunen Ledermappe vorbei. Sie lag auf der Strasse beim Dorenbach-Viadukt in der Nähe des Basler Bahnhofs. Dann wendete ich mein Damenvelo und warf die Mappe in das Körbchen. Nachsehen, was drin ist, wollte ich erst zu Hause in Münchenstein, wo ich als damals 17- Jähriger mit meinen Eltern wohnte.

Ich öffnete die Mappe noch im Velokeller. Zuerst sah ich eine Tausendernote, ein paar Unterlagen und dann: zwei satte Bündel von je hundert frischen Tausendernoten. 200 000 Franken hatte ich gefunden; eine Fünftelmillion. Ich konnte es kaum fassen!

In der Wohnung zeigte ich das Geld meinem Vater, und wir machten uns auf die Suche nach Hinweisen auf den Besitzer. In der Mappe befanden sich Belege einer Bank. Das Geld war als Kredit bezogen worden – Drogengeld war es also nicht. Ich rief bei der Bank an. Weil ich aus Diskretion den Geldbetrag nicht nennen wollte, musste ich mich von der Réception zum Bankdirektor durchkämpfen. Er fragte sofort, ob er mich abholen könne. Da ich ins Rugbytraining musste, wollte ich das Geld gleich selbst zurückbringen. Ich stopfte die 200 000 Franken zu Trainer und Knieschonern in die Sporttasche und fuhr mit dem Velo zurück in die Stadt.

Dort brachte ich das Geld direkt in die Chefetage der Bank und legte es dem Direktor auf den Tisch. «Schön, dass es in der heutigen Zeit noch so ehrliche Menschen gibt», sagte er und wies mich darauf hin, dass mir zehn Prozent Finderlohn zustehen. Einen so hohen Stundenlohn hatte ich noch nie. Habe ich bis heute nicht. Zusätzlich zum Finderlohn erhielt ich von der Bank einen silbernen Füllfederhalter von Caran d’Ache und eine Einladung zu einer Operngala. Dort traf ich die Verlierer des Geldes: ein Unternehmer und sein erwachsener Sohn.

Sie erzählten mir, sie hätten die 200 000 Franken für ihr Familienunternehmen von der Bank abgeholt. Danach seien sie zu ihrem Auto gegangen und hätten die Mappe mit dem Geld aufs Dach gelegt, um die Mäntel auszuziehen. Dann sei es zu einem Missverständnis gekommen. Jeder dachte, der andere hätte die Ledermappe ins Auto genommen. Die beiden fuhren los, die Mappe lag noch auf dem Dach. In einer Kurve fiel sie herunter.

Die zehn Prozent Finderlohn schienen die beiden gern zu bezahlen.

In den drei Jahren bis zur Matur brauchte ich die ganzen 20 000 Franken auf – meine Eltern überliessen es mir, wofür ich sie ausgab. Das meiste blieb in einer Kneipe hängen, in der ich mit meinen Schulkameraden wilde Trinkgelage feierte. Ich genoss das Leben in vollen Zügen und war sehr spendabel. Ich kaufte eine Videokamera, eine Snowboard ausrüstung und ein Motorrad. Ich habe nicht nur gelernt, wie schnell man Geld verdienen kann, sondern auch, wie schnell man es ausgibt.

Oft werde ich gefragt, warum ich den Fund nicht für mich behalten hatte. Es gab auch extreme Reaktionen, im Stil von «Spinnst du, mit 200 000 hättest du richtig was machen können!». Den meisten nehme ich die Skrupellosigkeit nicht ab. Wenn man plötzlich die Verantwortung trägt für 200 000 Franken, denkt man nicht so eigennützig. Weil dahinter ja ein Mensch steckt, dem dieses Geld dann fehlt. Weil für jemanden unter Umständen ganz viel von diesem Geld abhängt. Ich wollte mich jedenfalls nicht mein Leben lang damit belasten, dass ich jemanden durch Selbstbereicherung ins Verderben gestürzt haben könnte.

Gregory Gerhardt (30), Stabsmitarbeiter einer Privatbank in Zürich

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