Journalist

«Züritipp»: Nino, Neto und die Nacht

In «Züritipp», Diverse Publikationen on 15. März 2007 at 07:11

zhtipp_20070315_nino_netoFür ihn ist der Gang in den Klub ein einziger minuziös geplanter Auftritt. Der 24-jährige Nino verwandelt das Styling zu Hause zusammen mit seinen Freunden in ein stundenlanges Ritual, danach wird gefeiert. Protokoll einer Gay-Partynacht.

Nino steht vor einem proppevollen Kleiderschrank und einer wichtigen Entscheidung: Was anziehen? Neto, sein brasilianischer Freund, macht einige Vorschläge. Nino entscheidet sich für ein rosarotes T-Shirt mit der Aufschrift «Couture». Dazu Jeans mit rostbraunen Nieten und eine Plastik-Halskette aus der Schmuckkiste. Ein Rosenkranz? «Nein, etwas Ähnliches», sagt Nino mit französischem Akzent, «Jesuskreuze sind passé.»

Styling und Clubbing bedeuten für den 24-jährigen Nino die Welt. Schon bevor er vor neun Monaten von Lausanne nach Neu-Oerlikon zog und eine Stelle als Kundenberater im Finanzsektor antrat, verbrachte er die Wochenenden regelmässig im Vergnügungsparadies Zürich. Heute, Samstagnacht, steht im Schwulenklub Labyrinth in Altstetten eine «Special Party» auf dem Programm. Was genau das Motto ist, weiss er nicht. «Special» ist Anlass genug.

Immer wieder: «Gut Siehst Du Aus»

Jetzt ist Eile angesagt, denn um zehn Uhr kommt seine Arbeitskollegin Fränzi mit einer Freundin zum «Warm-up», der Aufwärmrunde für den späteren Klubbesuch. Die Zeit drängt: Eine Stunde muss für den perfekten Look reichen. Dazu greift Nino nun zu allen Mittelchen, welche die Kosmetikindustrie für den Mann bereithält: Schlamm-Gesichtsmaske, Feuchtigkeitscrème, Bräunungspuder, Eyeliner, Lipgloss, Augenbrauen-Gel, Eau de Toilette und viel, viel Haarspray. Für die Frisur ist Neto zuständig – er ist gelernter Coiffeur.

Kaum ist Nino mit Schönmachen fertig, treffen Fränzi und ihre Kollegin ein. Er begrüsst sie mit drei Küssen und umarmt seine Arbeitskollegin. «Du könntest jede Frau haben, wenn du nicht schwul wärst», sagt sie zu ihm. Das ist nur der Anfang einer Nacht, in der sich Mann und Frau immer wieder beipflichten, wie gut man aussehe. Ganz ohne sexuelle Absicht natürlich – die Symbiose zwischen den Geschlechtern ist hier perfekt. Deshalb geht Nino auch immer mit Frauen weg. «Weil die Beziehungsverhältnisse einfach geklärt sind», wie er sagt.

Um ein Uhr, vier Stunden und zahlreiche Wodka-Redbulls später, sind Nino und seine Clique endlich im Labyrinth-Klub angekommen. Laut Flyer heisst das heutige Motto «Kristall Ball». Von der Decke hängt silbriges Styropor, aus den Boxen stampft massentauglicher Progressive-House, und das auf Augenhöhe montierte Stroboskop hält die Pupillen auf Trab. Trotz Kälte tummeln sich auf der noch spärlich gefüllten Tanzfläche zwei haarige Muskelpakete mit nacktem Oberkörper.

Im Laufe der Nacht füllt sich der Klub. Auf der Tanzfläche feiert man zu zweit oder in kleinen Grüppchen. Nino hat sich seines T-Shirts entledigt und tanzt lasziv an der Stange. Er findet die Party «geil». Ein Transvestit mit einem überdimensionalen Gänsemagd-Kopftuch stelzt vorbei, und auf dem Podest tanzt sich ein bleicher Lederboy in Ekstase.

Zusammen Kurz auf die Toilette

Inzwischen macht Neto schlapp, sodass man Nino bald einmal mit seinem betrunkenen Freund im Schlepptau in Richtung Toilette huschen sieht. Danach geht es diesem jeweils für kurze Zeit etwas besser. Es ist kurz vor sechs, als sich die beiden auf den Heimweg begeben. Nino ist immer noch bei bester Laune und wäre gerne noch etwas länger geblieben. «Früher war ich Fan von Afterhours», gibt er zu. Doch seit ihm dort einmal jemand gesagt hat, er sähe «kaputt» aus, ist das Thema für ihn gestorben. Denn wenn Ninos Fassade fällt, ist auch für ihn die Party vorbei.

PDF Download